Der echte Tut-Ench-Amun
Plauderte ich neulich noch in der Royal Bar mit meinem fiktiven, gutaussehenden, starken Romanhelden, so stelle ich euch heute den echten Tut‑Ench‑Amun vor. Von stark oder gutaussehend kann hier keine Rede sein. Tut ist ein Jüngelchen, ein zierlicher Knirps, um die 1,55 m, mit einem bissi Überbiß … Augenblick, da entreißt mir jemand die Tastatuuuuuuuuuuuuuuu …
„Überbiß? Na und? Schließlich gab es zu meiner Zeit keine Zahnspangen. Das da im Anch bin ich? Das ist ein Shesep Ankh! Ey, Loide, das hat Katharina aber gut hingekriegt! 2005 haben sie schon einmal versucht, ein Gesicht von mir zu rekonstruieren. Und anhand dieses kümmerlichen Hasengesichts hat Katharina nun ein 3D‑Bild von mir gemacht. Alder, geil! Das Profil ist gelungen! Diese niedliche Stupsnase hab ich von Opa. Das sieht man auf seinen Gemälden. Opa war ’ne coole Socke! Mein Dad dagegen … naja …“
Wo bin ich’n hier eigentlich? Wie Blogbeitrag? Erklär ma‘! Wie tot? Wie Gefilde der Binsen? Ey, wart ma‘ kurz, ich muß mich setzen…
Du sagst jetzt nicht, daß ich mit dieser Karre in Sechet Iaru angekommen bin? Verunglückt? Mit dem Streitwagen? Beinbrüche? Und niemand konnte mir helfen? Ich bin elendiglich krepiert? Ich glaub, mir wird schlecht … Ihr habt was gemacht?
Moment mal. Ihr habt meine Mumie untersucht? Mit CT‑Scan und allem Pipapo? Und dann habt ihr behauptet, ich sei mit einem Streitwagen verunglückt? Beinbruch hier, Rippe da, und keiner hat’s gemerkt? Ey, Loide, ich war Pharao! Da hätte doch wohl jemand aufpassen können!
Mir alle Eingeweide rausgenommen? Magen, Darm, Lunge und Leber in diesen Kasten da hinter mir gepackt? Kanopen, nennt ihr das? Und mein Hirn aus dem Schädel gespült, gekratzt … und dann mit dem ganzen Rest einfach in den Müll geworfen? Ey, Loide, geht’s noch?
Und mein Herz? Wo ist das abgeblieben? Habt ihr das auch weggeworfen? Tja? Ihr habt mir mein Herz gestohlen! Den Sitz der Gefühle, den Sitz der Seelen! Das gehört nach der Mumifizierung wieder an Ort und Stelle! Tja! Was soll ich’n jetzt machen? Seid ihr bescheuert?
Und dieses goldene Gesicht da. Was wiegt das? Elf Kilo? Und das wollt ihr mir aufs Gesicht legen? Wie lag schon dort, jetzt isses weg … Wo ist es? In Kairo im Museum, aha! Und wird streng bewacht, incl. Knipsverbot, zusammen mit meinem ganzen anderen Gold und Blingbling. Alder!
Nein, es wird nicht besser, wenn ihr all mein Gekröse mitsamt dem alabasternen Kanopenkasten in diesen goldenen Schrank da packt. Ja, ich weiß, daß das Schrein heißt. Kanopenschrein … das ist mir sowas von … Das ist jetzt nicht wahr? Oder?
Ihr habt wirklich gedacht, ich würde mich beruhigen, nur weil ihr meine Eingeweide ordentlich sortiert und in einen vergoldeten Kasten gestellt habt? Magen, Darm, Lunge, Leber – alles fein säuberlich mumifiziert, ja, ja, altägyptische Bestattungskunst und so. Aber ich steh hier ohne Herz! Ohne Herz! Und ihr stopft mein ganzes Innenleben in einen Schrein und meint, das sei jetzt feierlich?
Ey, ihr habt mich was? In drei Särge gelegt? Und die dann in diesen Quarzitsarkophag da hinter mir? Und den wiederum in drei vergoldete Schreine gestopft, die in einem so engen Kabuff stehen, daß man sich rundrum kaum drehen kann? Und das Ganze ein paar Meter unter der Erde, sechzehn Stufen runter, in einer Grabkammer, in der nicht mal ein ordentlicher Luftzug durchgeht?
Das ist jetzt nicht euer Ernst. Drei Särge, ein Quarzitsarkophag, drei Schreine – und ich mittendrin wie ein altägyptisches Überraschungsei! Und dann wundert ihr euch, daß ich hier stehe und Schnappatmung kriege?
Digga, ich mag ja nicht die hellste Kerze auf der Torte sein, aber irgendwas stimmt doch wohl in euren Berechnungen nicht. Wenn ich sechzehn Steps under liege, begraben unter gefühlt einer Tonne Gold, was ist das dann für ein Gequatsche von wegen, ich wandle in den Gefilden von Sechet Iaru? Oder noch besser: wieso kann ich dann mit den Göttern zusammen in der Barke des Re sitzen und am Firmament entlangsegeln?
Ihr erzählt mir was von Jenseits, Wiedergeburt, Sonnenbarke, Duat und himmlischen Feldern – und gleichzeitig liegt meine Mumie in einem Quarzitsarkophag, eingeklemmt zwischen drei vergoldeten Schreinen, in einer Grabkammer im Tal der Könige, sechzehn Stufen unter der Erde. Wie soll das denn zusammenpassen?
Und was hat das alles mit meinem Umzug nach Kairo zu tun? Ich will nicht aus Luxor weg! Das ist seit 3350 Jahren mein Zuhause! Ich fühl mich hier woooooooooooooohl …
Und jetzt rede ich wieder: Her mit meiner Tastatur, und du machst Feierabend, Freundchen! Ab in die Barke! Also wirklich! Mit achtzehn sollte man etwas mehr Verstand in der Birne haben! Deine Seele, dein eigentliches ICH, segelt mit den Göttern am Himmel. Der Rest von dir … nein, hör auf zu maulen, der vergammelt NICHT! … der Rest von dir wartet auf deine Seele. Dort. Im Himmel, da oben, im Sechet Iaru. Wo auch immer deine unsterbliche Ab-Seele deinen unbeschädigten Körper braucht, findet sie ihn hier! Das ist die Wiedergeburt, an die dein Volk glaubt. Auch wenn dein Name dir das verheißt: Auf Erden wirst du nicht wieder herumlaufen. Geschweige denn einen Streitwagen fahren.
Du brauchst nicht beleidigt gucken, und du änderst auch nichts an deinem Umzug. Da kannst du mir noch so oft das Licht ausknipsen, einen Falken schicken oder mir die Spielerei mit den Zahlen aufs Auge drücken. Über kurz oder lang – wahrscheinlich eher über lang – ist das GEM in Kairo, dein neues Zuhause, fertig. Wußtest du, daß eine Stuttgarter Firma für die Ausstattung deines neuen Domizils verantwortlich ist? Es wird schick werden, aber ich gebe dir Recht: Du solltest in KV62 bleiben! Man sollte dir deine Ruhe gönnen, die Tür über den sechzehn Stufen schließen, sie wieder mit dem Siegel der Neun Gefangenen versiegeln und dich endlich schlafen lassen …
Tut und seine Requisiten habe ich mit DAZ 3D erstellt, die Hintergründe der Bilder mit der KI von Microsoft. Sein DAZ‑3D‑Kragen ist eine fast originalgetreue Abbildung des Kragens seiner berühmten Goldmaske – von mir optimiert, versteht sich.
Die alten Ägypter hatten eine sehr komplexe Vorstellung vom Jenseits, das bei ihnen Duat heißt. Sie ist unterteilt in die dunkle Duat für alle Sünder und in den Ort des Lichtes. Im Verbotenen Land der Lebenden, dem Ort des Lichtes, in Ta Djeser, kommen die Verstorbenen nach dem Wiegen des Herzens an. Ta Djeser ist die zugeteilte Gegend für jene, deren Herz geprüft, gewogen und leicht befunden wurde – also die guten Seelen.
Sechet Iaru, die Gefilde der Binsen, ist dort eine paradiesische Landschaft. Der Verstorbene bewohnt sie, bestellt Felder mit sieben Ellen hoher Gerste und Dinkel und macht sich daraus Brot und Kuchen für die Ewigkeit.
Bei einem verstorbenen Pharao ist die Sachlage eine ganz andere: Er, der Gott auf Erden, steigt nach seinem Ableben hinauf in den Himmel und darf mit allen anderen Göttern in der Barke des Re am Firmament segeln.
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Kommentare
Schön, dass auch er mal zu Wort kommen darf und eine völlig andere Sichtweise zeigt. Klasse, die wirklich ausdrucksstarken Illus dazu
Klar zeigt er eine völlig andre Sichtweise - er ist schließlich der "Betroffene" 😁 Da hätt ich auch gemault, wenn mir das alles passiert wär. Ganz zu schweigen von dem vielen Öl und den ganzen Salben die sie über ihn gekippt haben. Er soll sich deswegen sogar selbst entzündet, eine Weile im Sarg vor sich hingekokelt haben. Deshalb ist er so schwarz. Das hab ich mich aber nicht mehr getraut ihm zu sagen 😉😊
Die Vorstellung Tut in der Neuzeit am PC sehr gut gelungen. 😉
Danke mein Lieber! Tut am PC gefällt mir selbst am besten 😁😉