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Die Geschichte ist frei erfunden. Die Villa - in
ihrer Umgebung mit samt ihrer Ausstattung und ihrem Zweck als Museum -
und das Skelett sind Tatsachen. Mehr Infos zur Villa Borg unter: www.villa-borg.de
oder auf meiner Seite von den Römertagen
hier klicken

Ich schrieb die Story zum Anlass des 8. SFCBW-Storywettbewerbes
Thema: "Frühstück im Palast der Träume"
Villa Romana
von Katharina Remy
"Mist verdammter! Gottverdammter Mist!"
Er fluchte laut und herzhaft während er vergeblich versuchte das
schwere Motorrad aus dem engen Graben zu hieven. Welche Dummheit! Warum
hatte er nur nicht auf die anderen gewartet? Und warum, zum Teufel, mußte
er diese Strecke nehmen? Sie würden ihn hier niemals vermuten. Einsamkeit
wohin das Auge blickte, Niemandsland. Kilometerweit nur leere Getreidefelder
und hier und da ein bereits kahler Baum, vom Wind gebeugt.
Von weitem noch hörte er das beleidigte Muhen der Kuh, die so urplötzlich
im Scheinwerferlicht aufgetaucht, und deretwegen er eigentlich in den
Graben gefahren war. Er nestelte an seinem Gürtel um an das Handy
zu kommen. Dunkelheit - nicht nur um ihn herum, auch auf dem Display.
Im Wind, der auf dieser Anhöhe stetig wehte, versuchte er sein Feuerzeug
zu zünden. Nach einigen vergeblichen Versuchen sah er endlich im
flackernden Lichtschein, daß das Handy durch den Sturz hinüber
war.
Seine Laune stand jetzt auf dem absoluten Nullpunkt. Er kickte das nutzlose
Handy in das abgeerntete Feld und starrte in die Dunkelheit.
Im Geiste rief er sich in Erinnerung, wo er durchgekommen war und was
auf den Straßenschildern, an denen er vorbeifuhr, gestanden hatte.
Sein Weg hatte ihn durch Weiler geführt und an einsamen Bauernhöfen
vorbei. Seit er von der Luxemburger Seite her über die Mosel gekommen
war, hatte er nichts als Felder, die mit Kuhweiden abwechselten, und nochmals
Felder gesehen. Kaum ein Auto war ihm begegnet. Dann folgte er dem Schild,
das versprach, daß diese Straße ihn zur A8 Richtung Saarbrücken
führen würde. "Dreißig Kilometer" stand da.
Eine einsame, öde Landstraße, voller Schlaglöcher und
Kuhmist brachte ihn also seinem Etappen-Ziel immer näher.
Sie stammten alle aus Nürnberg und hatten diese
Tour schon Ende August geplant. Mitte September waren sie losgefahren,
zuerst quer durch Deutschland, durch die Pfalz, das Saarland - wo er jetzt
im Straßengraben hing - hinüber nach Luxemburg und Frankreich.
Mit der Fähre ging es von Calais aus nach Dover und in England hatten
sie dann ein paar Tage lang die Küstenstraßen abgefahren. Jetzt
befanden sie sich auf dem Rückweg. Höchste Zeit, daß sie
nach Hause kamen, denn die Motorradsaison war schon längst zu Ende.
Zwölf Kumpels und ihre Miezen, von denen sieben selbst auf schweren
Maschinen saßen. Wie seine Kleine. Die Harley war Tippsys ganzer
Stolz.
"Biest!" knurrte Marc in die Nacht, als er an sie dachte. Wenn
er sich am frühen Abend nicht so hoffnungslos mit ihr gestritten
hätte, und deswegen früher als geplant losgefahren war, befände
er sich jetzt nicht in dieser Situation. Sie konnte so giftig werden!
Das traute man ihr gar nicht zu, wenn man sie das erste Mal sah. Klein,
zierlich und naturblond war sie ein fleischgewordener Traum für viele
Männer. Wen sie mit ihren großen blauen Augen und dem süßen
Schmollmund ansah, der vergaß vollkommen, daß er es mit einer
intelligenten Frau zu tun hatte. Ihre Tätigkeit als Chefsekretärin
bei einem großen Computerkonzern hatte ihr unter den Kumpels den
gutgemeinten Spitznamen eingebracht.
Marc hockte sich an den Straßenrand. Es war fast
Mitternacht und hier würde zu so später Stunde niemand vorbeikommen.
Die Hoffnung darauf, Anhalter spielen zu können, kam ihm erst gar
nicht in den Sinn. Die Wolkendecke riß auf und im Licht der dünnen
Mondsichel konnte Marc endlich die schemenhafte Landschaft erkennen. Weit
erstreckte sich das hügelige Land bis hin zum Horizont. Südwestlich
konnte er quellenden Dampf erkennen. Unheimlich schwebten die gewaltigen
Wolken dem verhangenen Himmel zu. Das gehörte nicht mehr in dieses
kleines Saarland, diese Dampfwolken kamen aus den gewaltigen Schloten
eines Atomkraftwerkes in Frankreich. Weiter westlich erhellten orangefarbene
Lichter die Nacht am Horizont. Sie kamen vom Luxemburger Flughafen. Und
weit im Osten sah er die großen, sich drehenden Scheinwerfer von
Funktürmen blinken. Scheinbar greifbar nahe war die Zivilisation,
doch für ihn heute nacht unerreichbar.
"In drei Teufelsnamen! Verdammt noch mal!"
brüllte Marc die Worte in die Nacht, so als könne das Fluchen
ihn aus seiner Misere befreien. Er stand auf und sah sich nochmals um,
bevor die Wolken den Mond wieder verdecken würden. Es mußte
doch irgendwo in dieser eigentümlichen, einsamen Landschaft ein Haus
geben, in dem jetzt, um halb zwölf in der Nacht, noch Licht brannte.
Ein Licht, an dem er sich orientieren konnte, um darauf zuzugehen, um
dort anzuklopfen und ein Telefonat zu führen.
Ungefähr dreihundert Meter südlich vor ihm
endete das Feld an einem Wald. Hohe Fichten wiegten sich im Wind und kahle
Pappeln streckten ihre Äste in die Nacht. Täuschte er sich oder
sah er dort wirklich etwas Weißes durch die Bäume schimmern?
Wenn er doch nur besser sehen könnte!
Über dem unheimlich rauschenden Wald stand das Sternbild des Orion
am Himmel. Mit dem stetig wehenden Südwestwind hatten sich die Wolken
endgültig verzogen und der Mond gab Marcs Wunsch nach.
Ja, er hatte sich nicht getäuscht! Dort, zwischen
den Bäumen stand tatsächlich ein Haus! Hastig hielt er darauf
zu, stolperte in den Ackerfurchen, raffte sich auf und lief weiter. Nur
weg von dieser vermaledeiten Landstraße, weg aus der Dunkelheit,
hinein in die schützende Wärme des Hauses.
Endlich hatte er die Einfahrt erreicht. Ein sauber gekiester Weg führte
ihn direkt auf ein rechteckiges Wasserbassin zu, welches eine Brücke
in zwei Hälfen teilte. Eine Frau saß am rechten Rand des Bassins
und schien mit den Fischen zu plaudern. Marc rief laut, aber er bekam
keine Antwort.
"Schwachsinn!" schimpfte er sich selbst, als er näher kam.
Erst jetzt sah er, daß es sich um eine Statue handelte. Dann stand
er auf der Brücke, die direkt zu dem dunklen Haupthaus führte.
Kein Licht brannte, nur der weiße Anstrich des Hauses leuchtete
in der Dunkelheit. Links von ihm saß eine weitere Statue am Beckenrand.
Er ging weiter auf das zweistöckige, merkwürdige Gebäude
zu, von dem links und rechts des Haupthauses zwei Querflügel abzweigten.
Arkaden führten rund herum, von weißen Säulen gestützt
und mit roten Ziegeln - wie das gesamte Dach des Anwesens - gedeckt. Im
Innenhof dieser Anlage war ein Garten angelegt. Niedriger Buchsbaum wuchs
hier, in seltsame, mystische Linien geschnitten und geformt. Mäanderschlangen
und Spiralen gaukelten dem Auge vor, die Büsche seien lebendige Wesen.
Ein plätschernder Brunnen aus weißem Kalkstein stand genau
in der Mitte des Gartens. Marc trat unter die Arkade, die zur Eingangstür
führte.
Er fühlte sich nicht wohl bei dem Gedanken hier so einfach zu klingeln.
Leute, die sich in dieser Einsamkeit einen solchen Protzbau leisten und
zum Schutz ihrer vier Wände noch nicht einmal einen Zaun oder eine
Mauer drum herum bauten, waren Marc nicht ganz geheuer. Er wartete darauf,
jeden Moment vor einer Meute überzüchteter und hysterischer
Dobermänner zu stehen.
Hier gab es keine Klingel, stellte Marc verblüfft fest. Lediglich
in der Mitte der gewaltigen Eichentür prangte ein großer, wie
ein Löwenkopf gestalteter Klopfer. Er griff nach dem Bronzering im
Maul des Löwen, und bevor er ihn an das Holz schlagen konnte, wurde
es hinter den Fenstern hell.

Mutig betätigte Marc den Klopfer. Wie von Geisterhand
öffnete sich das schwere Portal, und unversehens fand er sich in
einer riesigen, über die zwei Stockwerke reichende Eingangshalle
wieder. Der weiße Marmor auf dem Boden und der plätschernde
Springbrunnen aus dem gleichen Stein beeindruckten ihn kaum. Was ihn allerdings
verblüffte, waren die vielen anwesenden Leute hier in dieser Halle.
Marc verdrehte die Augen. Die Sitten und Gebräuche Amerikas waren
offensichtlich auch hier in diesem ländlichen Kaff angekommen. Anscheinend
befand er sich auf einem Halloween-Fest, denn alle Anwesenden waren in
altmodische Gewänder gehüllt.
"'N Abend!" grüßte er lässig nickend in die
illustere Runde der umherwandelnden Leute. "Könnte ich mal telefonieren?"
"Oh, ein Gast!" Eine zierliche Frau kam auf ihn zu und reichte
ihm die Hände. "Sei willkommen!" Sie trug ein schilfgrünes
Gewand, das mit goldenen Kordeln in der Taille und über der Brust
gehalten wurde. Ihr Haar war mit kompliziert gelegten Zöpfen zu einer
Hochfrisur aufgesteckt.
"Ich will nur mal schnell telefonieren", erwähnte Marc
zum zweiten Mal, "und dann will ich nicht länger stören."
"Aber, aber!" sagte die Frau. "Sicher möchtest du
dich erst einmal erfrischen, dann etwas trinken und essen. In diesem Zustand
lassen wir dich nicht wieder gehen." Sie lächelte Marc freundlich
an und klatschte in die Hände. Er sah an sich herunter: Nein, gewiß,
so wie er jetzt aussah, machte er keinen besonders guten Eindruck. Lehmverdreckt
von dem Sturz, mit schmutzigen Händen und Stiefeln.
Zwei Mädchen traten an seine Seite, hakten den Verdutzten unter und
führten ihn unter Gekicher fort von der illusteren Gesellschaft hin
zu einem Bad.
Marc schüttelte den Kopf über solch einen
Pomp. Diese Wanne war keine Wanne, sie war ein Swimmingpool aus rosa Marmor,
mindestens zwei Meter tief und drei mal drei Meter im Umfang. Zartes Blau
zierte die gewölbte Decke über der Wanne, auf der sich gemalte
Delphine, Putten, Fische und nackte Mädchen tummelten. Aus einem
fast lebensgroßen Löwenkopf aus Bronze ergoß sich Wasser
in das Becken. Ganz in die Betrachtung dieses Raumes versunken, bemerkte
er kaum, daß die Mädchen begannen, ihn auszuziehen.
"Hehe!" rief er. "Nun aber gut! Das kann ich schon noch
alleine!" Unbeeindruckt von seinem gutmütigen Geschimpfe machten
die beiden weiter und geleiteten ihn schließlich an das Becken.
Zu allem Überfluß entkleideten sie sich schließlich selbst
und schubsten Marc dann hinein.
"Verdammte Scheiße!" brüllte er, als er prustend
wieder auftauchte. "Das ist ja saukalt! Seid ihr denn bekloppt!"
Er bekam keine Antwort, als die beiden nun in das Becken stiegen und zu
ihm schwammen. Mit einem Luffa-Schwamm wurde er abgerieben, aus dem Becken
geleitet, in einen anderen Raum gebracht. Hier befand sich auch eine Wanne,
weniger groß, genau richtig, um bequem darin zu sitzen, aber keinesfalls
weniger prunkvoll. Schwarzer und weißer Marmor beherrschten den
Raum und die Wanne. Auch hier ein Löwenkopf an der Wand aus dessen
Maul sich dampfendes Wasser ergoß. Vorsichtig geworden, steckte
erst einen Finger ins Wasser um die Temperatur zu prüfen. Ja, diese
war okay! Langsam ließ er sich hineingleiten. Das warme Wasser tat
gut, und seine verspannten Muskeln lockerten sich. Auch jetzt stiegen
die Mädchen mit in das Becken, griffen abermals nach Schwämmen.
Mit einer wohltuenden Lotion rieben sie ihn ein und mit dem Schwamm wurde
er abgeseift.
Marc überschlug im Geiste den Inhalt seines Geldbeutels und seines
Kontostandes. Denn diese Spezialbehandlung gab es bestimmt nicht umsonst.
Allem Anschein nach war er hier in einem Edelpuff gelandet.
"Hört mal, Mädels", versuchte er
sich Gehör zu verschaffen. Doch sie wollten oder konnten ihn nicht
verstehen. Ihrem Gegluckse entnahm er, daß sie wohl aus einem osteuropäischen
Land kamen. Zwecklos!
"Ruft mal euren Chef! Den Boss! Den Obermacker dieses Ladens hier!
Ich hab kaum was bei mir und kann das nicht bezahlen! He! Hört ihr
mir überhaupt zu?"
Nein, zuhören taten sie nicht, denn sie waren damit beschäftigt
Marcs Beine und Bauch mit dem Schwamm abzureiben. Dazu hatte die eine
sein rechtes Bein in die Luft gehoben, während sich die andere verdächtig
nahe an Marc edelstem Körperteil zu schaffen machte.
Seine Gedanken wurden nun aber auch abgelenkt, weg von dem Unfall, von
seinen stark geschrumpften Finanzen hin zu den beiden braungebrannten,
vom Badeöl glitschigen Leiber der beiden hübschen Dinger. Nur
mal ein bißchen anfassen! Hineingreifen in diese pralle Leben, das
sich ihm hier völlig unschuldig präsentierte. Das aufmunternde
Lächeln der beiden ermutigte ihn noch mehr und so begann er der Blonden,
die sich um seinen Bauch kümmerte und ihm dabei ungeniert ihr Hinterteil
entgegenstrecke, über den schönen Rücken zu streicheln.
Wenn schon die Zeche prellen, dann aber richtig!
Kaum hatte er sich dem Gefühl hingegeben, als sie ihn mit Gesten
baten, aus der Wanne zu steigen.
"So?" fragte er etwas verlegen und bat um ein Handtuch. Auch
das wurde ihm gereicht und ihn an beiden Händen fassend, zogen sie
ihn in einen weiteren Raum. Hier standen zwei hohe Betten auf denen wertvolle
Decken lagen. Die hohen Kopfstützen waren mit üppigen Messingbeschlägen,
die jeweils einen Schwan zeigten, versehen. Er mußte sich auf eines
der Betten legen. Dann griff die Dunkelhaarige nach einem scharfen, schlanken
Messer.
"Was soll das!" Marc stand wieder auf. Angst ergriff von ihm
Besitz. Weg hier, nur raus!
Die Blonde gebot ihm mit dem Finger am Mund zu schweigen und zeigte ihm
eine Schale mit steifem, weißen Schaum und machte die Geste des
Rasierens. Beruhigt ließ Marc sich wieder nieder. Ein heißes
Handtuch wurde ihm aufs Gesicht gelegt, während die Blonde begann,
die Haare an seinen Beinen abzurasieren. Vollkommen entspannt gab Marc
sich in ihre Hände. Die Quittung für diese Sonderschönheitsbehandlung
würde schon noch früh genug kommen.
Die Schwarzhaarige dagegen setzte sich mit sanften Bewegungen auf seinen
Brustkorb. Marc nahm das Handtuch vom Gesicht. Ein bezaubernder Anblick
bot sich ihm, doch sie wies ihn an, sich still zu verhalten, indem sie
ihm das scharfe Rasiermesser zeigte.
Endlich waren die beiden fertig. Es war ein ulkiges Gefühl,
so bar jeglicher Körperbehaarung. Nochmals brachten sie ihn zu dem
Becken mit dem heißen Wasser, seiften ihn neuerlich ab, brachten
ihn zurück zu dem anderen Bett. Und augenblicklich fingen die zwei
an, ihn zu massieren. Ach, das tat gut. Wochenlanges Sitzen auf dem Motorradsattel
hatte seine Spuren hinterlassen. Die kundigen Hände seiner Begleiterinnen
hatten Kraft und wußten verspannte Muskeln zu lockern. Allmählich
aber wurden die Griffe sanfter, zärtlicher und es wurde ihm unbequem,
weiter auf dem Bauch zu liegen. Täuschte er sich? Es war doch kein
Finger, was jetzt heiß und schlüpfrig über sein Rückrat
fuhr. Es fühlte sich eindeutig wie eine kleine flinke, feuchte Zunge
an, und sie näherte sich sehr zielstrebig seinem Po.
"Oh, oh", dachte Marc und wollte sich umdrehen als eine scharfe
Stimme befehlsgewohnt rief:
"Genug! Verschwindet!"
Wie aufgescheuchte Täubchen stoben die nackten Mädchen davon.
Marc drehte sich um, griff nach seinem Handtuch und sah nach der Person,
deren herrische Stimme ihm eiskalte Schauer über den Rücken
laufen ließ.
"Das gibt's doch nicht!" entfuhr es ihm. Vor ihm stand eine
große, schlanke und feingliedrige Frau. Aber das auffallendste Merkmal
war ihre fast schneeweiße Haut, deren vornehme Blässe durch
das nachtschwarze Haar und ihr tiefrotes, aber durchsichtiges, Gewand
noch mehr zur Geltung kam. Aus ihrem aristokratisch schönen Gesicht
funkelten ihn pechschwarze Augen unter fein geschwungenen Brauen an. Sie
hielt ihm die linke Hand hin. Marc zögerte einen Moment und betrachtete
sie weiter. Über ihrem langen, offenen Haar trug sie ein silbernes
Diadem, welches eine Mondsichel zierte. Sie trug keine Schuhe und die
Borte des Kleides umschmeichelte ihre nackten Füße. In der
rechten Hand, die sie leicht hinter ihrem Rücken verbarg, hielt sie
eine Peitsche mit silbernem Griff. Die Linke, die sich ihm immer noch
freundlich und hilfsbereit entgegenstreckte, schmückte ein silberner
Ring, der ebenfalls das Zeichen des Mondes zeigte. Lange, polierte, gepflegte
Fingernägel streckten sich ihm entgegen.
"Ich bin Sabina", stellte sie sich mit betörender Stimme
vor und nahm seine Hand. "Es ist eine Schande, daß man dich
in der Obhut dieser beiden Gänse gelassen hat." Dabei musterte
sie ihn von oben bis unten, wobei sie dem unten' mehr Aufmerksamkeit
schenkte als dem oben'. Marc wünschte, das Handtuch möge
größer sein.
"Lappen und Lumpen!" sagte Sabina in verächtlichem Ton,
während sie ihm das Handtuch aus der Hand riß. "Das Hauspersonal
läßt zu wünschen übrig! Ich werde dir etwas anderes
geben. Komm mit."
Mochte sie auch noch so zerbrechlich und grazil aussehen, Marc wurde vorsichtig.
Diese Frau war so scharf wie eine Waffe und so kalt wie ein Fisch.
"Eigentlich wollte ich nur telefonieren." Marc versuchte verzweifelt,
nicht daran zu denken, daß er vollkommen nackt vor ihr stand. "Damit
meine Kumpels mich hier abholen. Ich hatte einen Unfall mit dem Motorrad.
Und ich kann nicht bleiben, denn das hier kann ich mir beim besten Willen
nicht leisten. Weißt, du, ich habe gerade eine sechswöchige
Tour durch Deutschland und England hinter mir. Somit ist mein Geldbeutel
arg geschrumpft. Wenn ich mal im Lotto gewinne, dann komm ich aber garantiert
zu euch zurück. Echt super hier!"
"Freut mich, daß es dir bei mir gefällt. Aber du brauchst
dir keine Sorgen zu machen. Sei mein Gast für diese Nacht. Du kannst
dich doch auch morgen um deine Angelegenheiten kümmern. Sieh doch,
es ist schon spät und wir feiern ein Fest. Gesell dich zu uns, es
wir uns eine Ehre sein."
"Als Gast? Und ich brauch' nichts zu zahlen?"
"Natürlich nicht."
"Dann bleib' ich! Könnte ich was zu essen bekommen? Ich habe
einen Wahnsinnshunger."

Sabina führte ihn in ein weiteres Zimmer am Ende
eines langen Korridors. Dort reichte sie im ein Stoffbündelchen.
Marc breitete es aus und sah, daß es ein Lendenschurz aus golddurchwirkter,
gelber Seide war.
"Hör mal, Lady!" sagte er, "Das ist doch wohl ein
Witz, hm?" Dann fiel ihm ein, daß alle Gäste in der Halle
so altertümlich gekleidet waren. "Ach, ja, euer Kostümfest!
Hab ich glatt vergessen, schon okay!" Und er schlüpfte in den
Lendenschurz.
Zurück in der großen Halle führte Sabina ihn zu einem
Chaiselongue, reichte ihm einen Becher aus dickem Kristallglas und ließ
sich ebenfalls auf einem niedrigen Sofa nieder.
"Auf dein Wohl," sagte sie freundlich und stieß mit ihm
an. Herber Wein, golden wie die Sonne, rann seine Kehle hinab, so trocken,
wie er ihn mochte. Mußte was aus heimischen Gefilden sein, vermutete
er, denn keine zehn Kilometer von hier weg waren die Weinberge der Mosel.
Sabina klatschte in die Hände: "Serviert das Mahl!" Und
auf ihren Ruf hin kam Bewegung in die Gäste. Alle machten jetzt Platz
und ließen einen Gang frei für die Männer, die nun aus
der Küche das Essen brachten. Marc staunte. Solch ein Büffet
bekam man im Leben nur einmal zu sehen:
Die kräftigen, muskulösen Männer trugen allesamt weiße
Lendenschurze. Jeweils zwei von ihnen brachten niedrige Tische herein,
die von zwei Tragestangen gehalten wurden. Nachdem die Männer den
Tisch abgestellt hatten wurden sie herausgezogen.
Marc traute seinen Augen nicht, als er die Köstlichkeiten auf den
Tischen betrachtete. Ganze Spanferkel, garniert mit Äpfeln, gebratene
Fasane, deren Schwanzfedern zur Garnitur in den Braten gesteckt waren,
ja sogar gebratene Pfaue samt ihren Federn wurden hereingetragen. Jetzt
brachte man einen Tisch voller Meeresfrüchte: Hummer, Austern, Krabben,
gebackener Fisch, gegrillter Lachs und Kaviar.
Immer mehr Delikatessen strömten an Marcs Platz vorbei. Zwischen
ihm und Sabina wurde ein Tisch voller Tiegel mit dampfendem Dinkel, ein
Ragout mit Pfirsichen, ein deftiger Eintopf aus Linsen, ein Topf mit Honig,
knuspriges Brot und eine Platte mit kaltem Braten hingestellt. Sein Magen
machte einen Luftsprung. Verhungern würde hier niemand. Schließlich
brachten junge Frauen silberne Schalen, in denen sich süß duftendes
Obst, von Ananas, Bananen, Feigen, Pfirsichen, Datteln, Papaya bis hin
zu weißen und roten Weintrauben häufte.
"Sag mal", wandte sich Marc an Sabina, "was
feiert ihr hier eigentlich?" Aber im gleichen Moment blieben ihm
die Worte im Hals stecken. Sabina hatte sich derweil ihres roten Gewandes
entledigt. Jetzt lag sie nackt auf ihrem Diwan nur bekleidet mit einem
silbernen Gürtel und dem Schmuck den sie auch vorhin schon getragen
hatte. Die Peitsche hatte sie vor sich liegen. Das war an und für
sich nichts, wofür man keine Worte finden konnte. Sprachlos dagegen
machte ihn ein schwarzer Leopard der sich plötzlich zu Sabinas Füßen
räkelte. Das scharfe, schneeweiße Gebiß des wunderschönen
Tieres bleckte Marc gerade an, während gleichzeitig ein rauhes Fauchen
zu hören war.
"Wir feiern eine römische Orgie mein Freund", sagte Sabina
ganz gelassen, als wäre sie vollständig angezogen, hätte
kein gefährliches Raubtier vor sich und befände sich auf einer
geschäftlichen Besprechung. "Jedes Jahr um diese Zeit treffen
wir uns, wir feiern und genießen, um Lukullus zu huldigen."
"Ist das nicht eine Wurstwarenfabrik hier in der Gegend?" Marc
hatte Mühe, sich zu beherrschen. Diese riesige Katze flößte
ihm gewaltigen Respekt ein. So nahe war er ohne den ausreichenden Schutz
eines Zookäfigs noch nie an ein solches Raubtier herangekommen. Und
der Anblick seiner Gastgeberin brachte ihn ohnehin aus der Fassung.
Sabina lachte laut: "Nein, mein Bester, Lukullus war ein römischer
Feldherr und als Konsul mit der Führung des Krieges gegen Mithradates
betraut. Er war zu seiner Zeit einer der reichsten Römer und seine
Gastmähler waren die üppigsten überhaupt."
Marc war hin und hergerissen zwischen Anziehung und Ablehnung. Diese Frau
da vor ihm reizte ihn und doch fühlte er sich in irgendeiner Form
auch von ihr abgestoßen. Wieder zeigte sie ihm ihr strahlendstes
Lächeln, aber gerade hatte er den Eindruck, daß Sabinas vollkommene
Zähne große Ähnlichkeit mit einem Raubtiergebiß
aufwiesen.
Lasziv griff sie nach einem Stück Braten. Marc wollte es ihr gleichtun,
denn sein Hunger war mittlerweile übermächtig. Die Gerüche
der Delikatessen machten ihn schwindlig. Kaum hatte er sich ein Stück
Brot gegriffen, als er sah, wie Sabina sich das Stückchen Fleisch
auf ihre Scham legte. Augenblicklich sprang der schwarze Panther hoch
und schleckte das Häppchen von Sabinas rasiertem Schoß.
Ich träume! Marc schüttelte den Kopf. Doch besonders darüber
wundern konnte er sich eigentlich nicht mehr, denn der Wein hatte seine
Sinne schon stark benebelt.
Und abermals schenkte Sabina den Becher voll, Marc trank ihn aus, probierte
das Ragout. Ein eigentümlicher Geschmack machte sich in seinem Mund
breit. Scharf und würzig war das Fleischgericht, doch auch süß
und verführerisch. Eine Ahnung von einem Weihnachtsgewürz irritierte
Marc, denn solch exotische Gerichte genoß er nicht alle Tage. Überwiegend
aß Marc an seinen Arbeitstagen in der Kantine. Am Wochenende versuchte
er erst gar nicht, seine kleine Küche zu nutzen. Er hatte vom Kochen
überhaupt keine Ahnung. Seine Kochkünste reichten gerade mal
um ein Spiegelei oder eine Bratwurst schwarz werden zu lassen.
"Fructus Coriandri schmeckst du da!" sagte Sabina heiser, als
hätte sie Marcs fragenden Gesichtsausdruck bemerkt. "Und das
scharfe Gewürz ist Semen Sinapsis, der Samen der Crucifere Brassica
nigra".
"Soso!", entfuhr es Marc, den das kaum interessierte. Hauptsache
es schmeckte vorzüglich. Aber jetzt wollte er von den Fischgerichten
probieren.
"Bleib!" Sabinas Stimme hielt ihn zurück. "Man bringt
es dir!" Sie schnippte mit den Fingern und augenblicklich brachten
zwei der muskelbepackten Kerle den Tisch mit dem Fisch zu ihnen. Sabina
nahm sich eine Auster und eine halbe Zitrone.
"Sie leben noch", hauchte sie, während sie den Zitronensaft
auf das weiße, schlüpfrige, zuckende Austernfleisch träufelte.
Marc schüttelte sich:
"Ich nehme lieber etwas, was schon tot ist. Besten Dank." Dabei
griff er nach einem Stückchen Lachs, dessen appetitliche Farbe ihm
schon immer gefallen hatte.
Zwei außerordentlich schöne Frauen - eine
rothaarig, die andere hellblond - beide nackt, bis auf ihren Silberschmuck
näherten sich Marc und Sabina und ließen sich auf den Diwanen
bei ihnen nieder.
"Wann ist es soweit?" fragte die, die bei Marc lag.
"Bald, Mira", gurrte Sabina, "gedulde dich noch ein paar
Augenblicke." Die andere rutschte zu dem Panther auf den Boden und
kraulte ihn hinter den Ohren. Gelassen nahm die große Katze dieses
hin. Die Frau musterte Marc mit unverhohlenem Interesse, während
Sabina ihrerseits über deren langes, blondes Haar strich.
"Das ist Lucina", erklärte Sabina, "und deine Begleiterin
ist Mira. Wir warten noch auf Oktavia, dann können wir beginnen."
"Mit was beginnen?" Marcs Blick wurde immer trüber, der
Wein zeigte gewaltige Wirkung.
"Mit dem Nachtisch!"

Lucina rutschte zu Marcs Füßen hin. Langsam
und genüßlich strichen ihre Hände seine Schienbeine entlang.
Zärtlich streichelten sie immer weiter, über seine Oberschenkel
hinaus, um sich genau unter den Lendenschurz zu treffen. Mira dagegen
ließ sich den großen Tisch mit dem Obst bringen. Sie griff
nach einer roten Traube und hielt die saftigen Früchte dicht vor
Marcs Mund. Ihm blieb gar nichts anderes übrig, als hineinzubeißen.
Roter Traubensaft rann ihm am Kinn herab, den Mira genießerisch
ableckte. Schließlich gab sie ihm einen sinnlichen, heißen
Kuß.
Eine schwarzhäutige Frau beugte sich küssend über ihn,
Marcs benebelter Geist gaukelte ihm Bilder von Mannequins wie Naomi Campbell
und Grace Jones vor, und er konnte nur noch flüchtig denken, daß
die erwartete Oktavia endlich gekommen war.
Das Chaiselongue wurde zu klein, um den vier Menschen
bequem Platz zu bieten. Mit vereinter Kraft zogen die drei Frauen den
willenlosen Marc sanft hoch und drückten ihn einfach auf den Tisch
mit dem Obst nieder. Die Trauben zerplatzten unter ihm, die Pfirsiche
wurden zu Brei gequetscht. Marc fühlte kühles, glitschiges Fruchtfleisch
unter sich. Beharrlicher, fordernder und sinnlicher wurden die Zärtlichkeiten
der drei Frauen, lüstern und hemmungslos drängten sich ihre
schlanken, kühlen Körper an seinen erhitzen. Eine fütterte
ihn weiter mit Obst, während eine andere mit seinen Brustwarzen spielte.
Die nächste flößte ihm einen Becher Wein ein. Schließlich
ging in dem Hin und Her sein Lendenschurz verloren. Es war nicht schade
drum, denn es legten sich fordernde Lippen um seinen harten, klopfenden
Phallus und eine feuchte Zunge spielte liebevoll mit ihm. Zärtliche
Bisse in seinen Hals und seine Schultern heizten seine Lust noch mehr
an.
Drei Frauen, und keine zickte rum! Er mußte im Schlaraffenland gelandet
sein!
Abermals bekam er Wein zu trinken, während sich
nun zwei Zungen lüstern um sein Glied kümmerten. Aber der Schluck
des edlen Getränkes und das brünstige Verlangen nach dem Schoß
einer Frau dämpften nicht den unterschwelligen Schmerz eines unverhofft
heftigen Bisses in seinen Hals. Er wollte aufspringen, doch sie hielten
ihn sanft fest. Mit Mühe griff er an seinen Hals. Es blutete ein
wenig, aber Mira küßte ihn auf die brennende Stelle und er
beruhigte sich wieder. Ein weiterer Biß in seine Brustwarze, bei
dem ein Stückchen Haut verloren ging, und ein dritter in sein Handgelenk
direkt am Puls ließen ihn erneut hochfahren. Vorbei war die glühende
Wollust und machte dem heftigen Schmerz platz. Kräftige Hände
hielten ihn fest, so daß Marc sich kaum noch wehren konnte. Sabina
stand lächelnd über ihm und zeigte ihm tatsächlich ein
Raubtiergebiß: Spitze, weiße Eckzähne und kleine, scharfe
Schneidezähne wie bei einer Katze. Er war so betrunken, daß
er noch nicht einmal mehr schreien konnte, als sie ihm in sein Glied biß.
"Er bekommt zuviel mit, gebt ihm noch Wein!" herrschte sie Lucina
dann an. "Ich will nicht, daß er leidet!"
"Ach, du Sanftmütige!" spottete die dunkle Oktavia, "Mir
ist das gleichgültig, ob er leidet." Auch sie zeigte scharfe
Zähne, die sie ihm nun heftig in den Hals schlug, und in Marcs betäubtem
Hirn überschlugen sich die Geschichten von Geistern und Spukgestalten.
Das konnte doch nicht wahr sein. So etwas gab es nur in einem Hollywoodstreifen,
jedoch nicht in der realen Welt.
Aber diese Nacht vor Allerheiligen war die Nacht der Geister...
Irgendwie gelang es ihm, sich aus den kalten Händen
der Frauen zu befreien, von dem glitschigen Tisch herunterzukommen und
aus der Halle zu flüchten. Höhnisches Gelächter folgte
ihm, als er unter unerträglichen Schmerzen die Treppe nach oben in
den ersten Stock erreichte. Mehr stolpernd als gehend erklomm er die Stufen,
aus unzähligen Wunden blutend.
"Er kommt nicht weit!" hörte er Sabina rufen, und: "Beruhigt
euch! Es reicht für alle!"
Schwer atmend hielt Marc sich an einer Fensterbank fest und blickte nach
draußen. Verzweifelt rüttelte er an dem verschlossenen Fenster
- vergebens, es ließ sich nicht öffnen! Schreckensstarr blickte
er nun nach draußen. Ein Fackelzug näherte sich der Brücke
über dem Fischteich. Unheimlicher Gesang ertönte und nun konnte
Marc einzelne Schemen erkennen. Eine ganze Festgesellschaft nahte heran.
Mit Schleiern verhüllte Frauen, Mädchen und Knaben, Männer
in weißen Togen, mit Purpur gesäumt, und sogar Priester, schauten
zu dem erleuchteten Fenster hoch. Aber Marc erblickte Mienen, die ihm
das Blut in den Adern gefrieren ließen. Bleiche, verweste Gesichter
musterten ihn mit toten Augen. Knochige Hände strecken sich zu ihm
hoch. Dumpf hallte der Ton des Klopfers durch die hohe Eingangshalle.
Marc versuchte die Übelkeit und den Schwindel zu
besiegen, der ihn erfaßt hatte. Mit letzter Kraft suchte er einen
Ausweg aus dem alten Gemäuer. Da! Eine Tür, dahinter ein Raum,
aus dem eine Treppe wieder nach unten führte. So schnell wie es ihm
möglich war hastete er die Stufen hinab, blutige Fußabdrücke
am Boden hinterlassend. Er ging durch die Tür dieses Raumes und stand
abermals in dem Baderaum mit der großen Wanne. Das Wasser darin
war zu kochendem Blut geworden und der Wasserspeier in der Wand fauchte
und brüllte ihn, Geifer versprühend, wütend an. Unfähig
sich zu rühren, sah Marc einen Augenblick lag auf dieses bronzene
Ungetüm. Es bewegte den Kopf hin und her, während aus der kalten
Bronze ein Fell wuchs. Wie eine schreckliche Geburt war dieses anzusehen;
alsbald erkannte Marc den Hals und den Leib, und schließlich befreite
sich dieses Höllentier mit einem geschmeidigen Sprung ganz aus der
Mauer.
Geifernd und fauchend trieb das große Raubtier Marc in Richtung
der großen Halle. Aus dem zweiten Baderaum hatte sich der Wasserspeier
ebenfalls aus der Wand befreit. Zu zweit umkreisten sie ihn und ihr bestialischer
Verwesungsgestank ekelte Marc bis zum Erbrechen. Als sie ihn bis vor die
rückwärtige Tür der Halle gedrängt hatten, fiel Marc
auf, daß sich ein Meter weiter im rechten Winkel dazu noch eine
Tür befand. Sie konnte nicht in die Halle führen - sie mußte
ihn hinaus auf den langen Korridor an der Rückseite der Halle bringen,
durch den er am Abend mit Sabina gegangen war. Er atmete tief durch, sammelte
seine letzten Kräfte und riskierte einen waghalsigen Sprung, in der
Hoffnung, sie nicht verschlossen vorzufinden.
Sie war offen! Als er hindurch war, schlug er sie mit
aller Wucht zu und schleppe sich dann den Korridor entlang. Seine Kräfte
ließen immer mehr nach, die Wunden brannten teuflisch und hörten
nicht auf zu bluten. Stöhnend lehnte er sich an die Wand. Ihm wurde
schwarz vor Augen und er rutschte an der kalten Mauer hinab.
"Du wirst doch meine Gäste nicht warten lassen?" fragte
eine Stimme über ihm. Mit Mühe öffnete Marc die Augen.
Sabina stand vor ihm, nackt und köstlich wie er sie früher in
dieser Nacht kennengelernt hatte. Ihre drei Raubtiere begleiteten sie,
schmiegten sich an ihre Beine wie Hauskatzen. Sabina griff nach Marcs
Hand und zog ihn hoch. Ihre eigene fühlte sich so kalt wie Eis an.
Marc sah sie flehend an. Er konnte nicht mehr sprechen, das Grauen hatte
seine Kehle zugeschnürt.
Taumelnd ließ er sich von ihr fortführen, zurück in die
Halle. Dort warteten alle auf ihn. Die Schreckgespenster der Nacht, wahrgewordene
Alpträume, eine grausam anzusehende, von der Hölle ausgespuckte
Brut würde sich noch einmal über ihn her machen. Doch bevor
er endgültig in die gnädige Dunkelheit einer Bewußtlosigkeit
hinabglitt, sein Blut ausgesaugt und sein Fleisch von scharfen Zähnen
abgenagt würde, sammelte er seine letzte Kraft. Woher er sie nahm,
wußte er nicht zu sagen. Aber als er zum dritten Male in dieser
verhexten Nacht in der großen Halle stand, überkam ihn der
Mut der Verzweiflung. Gierige, kalte Hände griffen nach ihm, lüsterne
Blicke und boshaftes Gelächter folgten ihm während er sich zum
letztenmal aufbäumte, tief durchatmete und unverhofft einen halsbrecherischen
Spurt zur Eingangstür hinlegte.
"Geh auf!" bat Marc im Geiste, als er sich
der Tür näherte. "Bitte, geh auf!"
Wider Erwarten öffnete sich das große Portal. Schrille, empörte
Schreie und das Knallen einer Peitsche folgten dem Flüchtenden als
er durch die Tür hastete und draußen hart auf den kalten Marmorfliesen
aufschlug.

Er war draußen!
Die Tür schloß sich mit einem dumpfen Ton von alleine, das
Stimmengewirr verstummte, die Fenster nun so dunkel wie vor Stunden, als
er hier angekommen war.
Gerettet!
Er fror wie ein Schneider, als er nackt und blutend kaum sein Glück
fassen konnte. Teils vor Kälte, teils noch vor Angst klapperten seine
Zähne laut in der stillen Mondnacht. Weit in den Westen war die schmale
Mondsichel am Himmel bereits gewandert, aber sie gab ihm genug Licht,
um sich zu orientieren. Marc setzte sich vorsichtig auf, schlang die Arme
um den Körper und befahl seinen Zähnen stillzuhalten. Endlich
gab sein zitternder Unterkiefer Ruhe, doch das laute Klicken blieb. Wie
gebannt schaute er in die Richtung, aus der dieser unheimliche Ton kam.
Dann machten seine Augen in den Schatten unter den Arkaden etwas aus.
Das Klicken kam näher, laut, wie ein nerviges Uhrwerk.
Und der Alptraum ging weiter - ein Skelett kam auf ihn zu. Seine knochigen
Füße verursachten den gruseligen Ton auf den Fliesen. Marc
rutschte mit schreckgeweiteten Augen zurück zur Hauswand, diese neuerliche
Ausgeburt der Hölle beobachtend, in deren rechter Hand ein Schwert
blitzte. Doch je näher dieses Schreckgespenst kam, um so scheußlicher
wurde sein Anblick. Sehnen erschienen auf den elfenbeinfarbenen Knochen,
Muskeln und Fleisch bildete sich, die Augäpfel wuchsen in den leeren
Höhlen und eine Zunge bewegte sich unbeholfen in dem klaffenden Schlund.
Wie in einem schrecklichen Zeitraffer vervollständigte sich das Bild:
Haut überzog den grausigen Schädel, Haar wuchs, Lippen verdeckten
die bleckenden Zähne. Das ganze Schauspiel dauerte nicht länger
als ein paar Sekunden und schließlich stand vor Marc ein römischer
Soldat.
"Verzeih, ich kam zu spät um dich vor dem Hineingehen zu warnen!"
hörte Marc aus dem Mund des Mannes. "Ich konnte dir jetzt nur
noch die Tür öffnen. Sie kommen nicht hier heraus, du könntest
dich somit als gerettet betrachten."
Marc gab keine Antwort.
"Seit zweitausend Jahren bin ich der Wächter", erklärte
die Spukgestalt weiter. "Niemandem sollte das gleiche Schicksal wie
mir wiederfahren. Ich war ihr erstes Opfer!" Er nickte mit dem Kopf
zur Tür hin. "Meinen ausgebluteten, geschundenen Leib hat man
damals in dem Wald da drüben verscharrt, aber meine Seele blieb frei.
Denn im Augenblick meines grausamen Todes habe ich Jupiter geschworen,
sie aufzuhalten.
Jedes Jahr um diese Zeit findet all das Böse, daß im Laufe
des römischen Reiches hier in diesem Hause einmal gelebt hatte, den
Weg zurück aus der Schattenwelt. In der Hoffnung auf ein Opfer, damit
ihre verdammten Seelen in die Welt der Lebenden zurückkehren können.
Fast wäre es ihnen gelungen, denn du warst das letzte Blutopfer um
ihre Verwandlung zu vollziehen. Sie sind an dir gescheitert und nun sind
sie weitere zweitausend Jahre verdammt. Jupiters Pakt mit mir indessen
galt nur für diese Zeit. Jetzt bin ich erlöst. Aber deine Seele
- sie wird fortan hier wachen!"
Während all das Fleisch, die Muskeln und die Haut
in Sekundenschnelle von dem Soldaten abfielen, das Gerippe sich zurück
zu seinem einsamen Grab im Wald machte, um endlich Ruhe und Erlösung
zu finden, zerbrach in Marcs Kopf der letzte Widerstand. Er schrie in
seiner Not zu Gott und allen Heiligen und in seiner aufkeimenden Wut verfluchte
er den alten römischen Gott.
Während sein Schrei in der stillen Nacht ungehört verhallte,
war Marcs Geist in eine entsetzliche Düsternis gesunken, aus der
er in dieser Welt nicht mehr erwachen sollte. Zurück blieb sein seelenloser
Körper, eine leere, emotionslose Hülle. Seine Seele dagegen
war für die nächsten zweitausend Jahre an diesem verfluchten
Ort gefangen.

Saarländischer Anzeiger
Ausgabe 45
Montag, 04. November 2002
Aus dem Polizeibericht:
Wie uns die Polizeiwache des Kreises Merzig mitteilte, wurde am vergangenen
Freitag gegen 10:00 Uhr an der Römischen Villa ein ungefähr
25 Jahre alter, schwer verletzter Mann gefunden. Der Kassierer des zum
Museum umgebauten 2000 Jahre alten Gebäudes fand den nackten, völlig
verstörten Mann im Eingangsbereich der großen Halle. Das Opfer
schien sich nach einem leichten Motorradunfall über die Äcker
des Bauern Rudolf H. geschleppt zu haben. Verwunderlich allerdings ist,
daß die Verletzungen, die der Mann am Körper trägt, nicht
von einem Motorradunfall herrühren können. Bei dem Mann wurden
unzählige Bißwunden und Kratzer schwerster Art festgestellt.
Ebenso erlitt der Mann erheblichen Blutverlust. Eine sofortige Impfung
gegen Tollwut war unerläßlich.
Die Polizei fragt nun in diesem Zusammenhang:
Wer hat zur in Frage kommenden Tatzeit den Mann gesehen? Die Verletzungen
wurden der Person in der Nacht von Donnerstag, dem 31. Oktober, auf Freitag,
den 1. November (Allerheiligen) zugefügt. Wer kann Angaben zu einem
freilaufenden großen Hund oder gar einer Raubkatze machen?
Gesucht werden unter anderem auch Zeugen, die den Motorradunfall beobachtet
oder verursacht haben. In der Nähe der Bundesstraße 407 bei
Borg kam der Mann mit seiner Maschine vom Fahrweg ab und stürzte
in einen Straßengraben.
Das Opfer selbst ist nicht vernehmungsfähig. Nach Versorgung seiner
Verletzungen wurde er in die Landespsychiatrie - Klinik nach Merzig gebracht.
Die Ärzte stehen vor einem Rätsel. Ihren Aussagen zu Folge,
ist solch ein Fall noch nicht vorgekommen. Der Chefarzt formulierte seine
Diagnose so:
"Der Patient ist körperlich einigermaßen wohlauf und er
hat gut gefrühstückt. Aber sein Geist scheint im Palast der
Träume zu weilen."
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