Am Horizont der Sonne

 

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Der Jahrtausendfund

"Was sehen Sie?"
"Wunderbare Dinge!"
Ein Dialog, der die Welt bewegte. Lord Carnavon fragte es im November des Jahres 22 Howard Carter im Schein einer flackernden Kerze. Und nach über drei Jahrtausenden erwachte ich, der kleine Pharao. Aton war vergessen, Echnaton nur mehr ein Traum, Kemet exitierte nicht mehr. Die Welt, die ich gekannt habe, war seit 2 Jahrtausenden untergegangen, Ruinen zurücklassend. Und mein kleiner mumifizierter Körper mit seinem deformierten Gesicht tritt einen Siegeszug um die Welt an.
Weniger mein Schicksal interessiert die Menschheit, nicht mein Tod, erst recht nicht mein Leben. Nur der unversehrte Goldschatz.
Howard Carter faßte es in einem einzigen, prägnanten und auch traurig stimmenden Satz zusammen:
"Das einzig Bemerkenswerte an Tut-Ench-Amun war, daß er gestorben ist und beerdig wurde."
Wer war ich hinter dieser Maske aus Gold? Was war ich für ein Junge? Ungestüm? Herzerfrischend wie es nur Teenager sein können? War ich intelligent? Oder wurde ich von meinem Vormund gegängelt, gequält? Wurde mein Wille gebrochen? Wurde mein junges Leben mit Absicht frühzeitig beendet?

Nichts darüber verrät mein Grabschatz. Kein Wort über den Menschen, der "Das lebende Bild Amuns"genannt wurde. Herr der Kronen, Hequa Iunu Schema, Herrscher von Theben, Der Herr der Erscheinungen ist Re, Neb Cheperu Re, Sohn der Sonne.
Kornblumen über meinem goldenen Gesicht, von Anchesenamuns liebevollen Händen als letzten Gruß gedacht, zeugten noch dreitausend Jahre nach meinem Tod, daß ich geliebt und vermißt wurde.

Spiele, Kleidung, Schminke. Nichts fehlte in dem Grab. Selbst allen möglichen Krempel, der nichts mit mir zu tun hatte, gaben sie mir mit. Ausgerüstet für die Ewigkeit brachten sie mich dahin. In vier kleine Kammern - nach den damaligen Umständen ein kleines Grab - nur mit dem Notwendigsten ausgestattet. Verscharrt, verschlossen, vergessen. Hastig und schnell als könne sie ein Fluch treffen. Niemand rührte es an, nicht einmal Haremhab, der sonst alles plünderte und requrierte. Nur ein paar Grabräuber ließen sich herab, unwichtige Dinge zu entwenden, wobei sie die Hälfte auch noch bei der Flucht verloren. Ha, solche Stümper!

1906 stieß Theodore Davis wiederholt auf Funde die mit mir in Beziehung standen. Er erzählt:
"Als ich in der Nähe eines großen Hügels im Tal der Könige grub, wurde meine Aufmerksamkeit auf einen zur Seite geneigten Felsblock gelenkt..., und als mein Assistent mit bloßen Händen die Erde umwühlte, stieß er auf ein wundervolles Gefäß."
Bis ins Jahr 1909 fand Davis mehrer Artefakte, die auf Tut-Ench-Amun wiesen, aber niemand interessierte sich dafür. 1912 gab Davis seine Grabungskonzession ab und im Jahr 14 erhielt Howard Carter die Konzession um im Tal zu graben. Er grub dort 10 Jahre, verbissen und stur, nur von dem Willen beseelt, den sagenhaften Kindkönig zu finden.
Er fand mich. Unter Schutt und Geröll, vergessen seit Jahrtausenden.

Meine goldende Maske - ein Erbe der Menschheit. Bewacht und bestaunt, begehrt und verehrt. Der Mensch, der dahinter sein totes Antlitz verbarg - balsamiert für die Ewigkeit, mit Amuletten geschmückt - liegt heute bar seines Schutzes, nackt und erbärmlich in Watte gepackt, mit Leinen bedeckt in seinem Glassarg. Millionen von Menschen pilgern zu mir, bestaunen mein Äußeres, haben gruselige Schauer...
Aufsteigen zu den Göttern wollte ich, mit ihnen in der heiligen Barke segeln, die "Gefilde von Jalu" erreichen. Wie soll ich das schaffen? Hat man mich doch meiner schützenden Amulette beraubt, meine Grabbeigaben fehlen! Wird mein Glaube an die Götter mich trotzdem in das Paradies aufsteigen lassen?

Gold - das Fleisch der Götter - nannten die"Remet en Kemet" - mein Volk - das Edelmetall. Nicht wegen seines materiellen Wertes wurde es gehandelt, allein seine Unvergänglichkeit - der Bezug zu Ewigkeit - machte es so wertvoll. Man schmückte sich damit um:
"Sich auf Erden wie im Grab gegen
unheilvolle Einflüsse,
den bösen Blick und
die allzeit drohenden Kräfte
alles Bösen zu versichern".

"Der Vater des Gottes - ha, als wär er mein Paps gewesen - Eje, tritt die Nachfolge an. Würdig und erhaben schreitet der 70jährige zur Mundöffnungszeremonie, da seht ihr es auf meiner Grabmalerei, läßt meine Seele in die Ewigkeit entweichen und setzt sich doch auf Kemets Thron. 4 kurze Jahre kann er seinen Traum verwirklichen, dann folgt er mir in die Barke der Götter und Haremhab ihm auf den Thron.
Der Anfang vom Ende der Amarnazeit. Haremhab streicht alle seine Vorgänger, von Amenhotep III. angefangen, bis hin zu Eje aus den Königslisten und gibt sich als direkter Nachkomme von Tutmosis IV. aus. Ramses I. ist sein Nachfolger, kein Sohn von ihm und seiner Gemahlin Mudjemet, nur ein Ziehsohn. Und Ramses zeugt Sethos I.,und Sethos zeugt User-Maat-Re Stepenre, Sohn der Sonne, Ramses II. Und diese Familie sollte dann mehr als dreihundert Jahre das Zepter in ihren Händen halten. Achja, nach mir die Sintflut....

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