Kleines Saarländisches Lexikon

Ein liebenswerter, leicht ironischer Streifzug durch meine Heimat

 

 

Vorsicht im Umgang mit der Bergmannssprache! Den Begriff "Bergeversetzer" sollte man beispielsweise nicht ganz wörtlich nehmen, und die "Kohlenwäsche" findet nicht nur an speziellen Waschtagen statt. Wer einen Stoß "ausgeraubt" hat, muß nicht gleich ein Bankräuber sein. "Richtstrecke" und "Hängebank" dienen dementsprechend auch ganz anderen Zwecken. Ein "Querschlag" ist kein verbotener Boxhieb, genausowenig wie "verhauen" mit Streitsüchtigkeit zu tun hat. Der "Anschläger" ist natürlich nicht der Rausschmeißer in der Grube, und auch das Anzapfen von Bierfässern ist ihm im Normalfall fremd.

In der Gründungszeit des Saarbergbaus (1815-1837) entstanden Stollenmünder besonderer Architektur. Oben Stollenmundloch des Veltheimstollens in Völklingen-Luisenthal (1837)
Unten der Grühlingstollen der ehemaligen Helenengrube in Friedrichsthal (1856)

 

Und sie tragen das Leder vor dem A...


Für alle Bergbau-Unkundigen, die über die Pünktchen rätseln:
Sie haben recht. Die drei Punkte bedeuten genau das, was Sie sich gedacht haben. Es handelt sich um eine Zeile aus dem wohl bekanntesten Bergmannslied "Glückauf, der Steiger kommt". "Arschleder" war lange Zeit ein in bergmännischen Kreisen geläufiges und überhaupt nicht anstößiges Wort. Schon Georg Agricola schrieb 1556 in seinem berühmten Bergwerksbuch "De re metallica": " . . . so sitzend die Berghäwer auf ihr Arsleder, das um die Lenden gebunden, dahinter herabhanget." - Das Leder sollte gegen Gestein, Nässe und Kälte schützen. Es wurde mit einem Riemen um die Hüften geschnallt und hing über das Gesäß herab bis an die Waden.
Es war jedoch mehr als eine Schutzbekleidung. Ein "Churfürstlicher Befehl" in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts teilte das sächsische Bergvolk in drei Klassen ein. Und das "Arschleder" gab die Rangunterschiede an. Die einfachen Bergleute trugen ein normales, schwarzes Leder, das der mittleren Bergbedienten war mit einer goldenen oder silbernen Schnur eingefaßt, während die obersten Bergleute ein "Arschleder" mit einer soliden Fütterung trugen.
Man brauchte sich also nicht wegen des Leders zu schämen. Im Gegenteil: Man war stolz darauf. Das Tragen des "Arschleders" galt als Ehrenrecht. Wurde es einem Träger abgesprochen -etwa wenn sich dieser eines Verbrechens schuldig machte - dann verlor er jeglichen Anspruch auf einen Arbeitsplatz im Bergbau.

Ensdorf, Schacht Duhamel, Strebengerüst in Stahlfachwerk (1917)

 

Fördergerüst am Nordschacht des Berkwerks Ensdorf (1986)

Von "Mudderklitzjer" und anderen Eigentümlichkeiten

Um Feuer anzumachen, braucht man Kohlen und Brennholz. Die Kohlen erhielt der Bergmann fast kostenlos von der Grube. Sollte er sich da noch selber das Holz kaufen, wo es einem in der Grube nur den Weg durch den Streb versperrt? - Die Bergleute verneinten diese Frage. Schließlich gehörte das Grubenholz ja dem Bergfiskus und damit dem Staat. Und da der Staat bekanntlich "wir alle" sind . . . was lag also näher, als sich seinen Teil zu nehmen. Und zudem konnte man noch einen Beitrag zur gerechteren Verteilung der Staatsgüter leisten, ohne ein schlechtes Gewissen zu bekommen. Kurzum: Man verband das Nützliche mit dem Angenehmen.
Und so begann auf den Saargruben ein jahrzehntelanger Kampf um die Umverteilung des Bruttosozialprodukts. Fast könnte man meinen, die Bergleute hätten nach einem wohldurchdachten Plan in zäher Kleinarbeit die Verstaatlichung des Bergbaus rückgängig machen wollen. Langsam, aber stetig ging die "Reprivatisierung" voran, Stück für Stück im wahrsten Sinne des Wortes. Denn am häufigsten wechselte das Grubenholz den Besitzer, und zwar immer in einer Richtung: Von der Grube in den Keller des Bergmanns. Und allmählich bürgerte sich in der Umgangssprache sogar ein eigener Begriff für diese Eigentümlichkeit ein: "Mudderklitzjer" nannten die Bergleute liebevoll ihr reprivatisiertes Brennholz.
Es war kein Diebstahl, beileibe nicht. Denn überlange Holzstempel mußten ja zurechtgesägt werden. Und wohin mit dem Abfall, ohne den Streb zu verunreinigen? - Mit viel Fleiß zerhackten sogar einige das "Mudderklitzje" in dünne Hölzer, banden das Ganze mit fiskalischem Schießdraht zusammen, in den Rucksack damit und heim zur Mutter. So manche Bergmannsfrau konnte voller Besitzerstolz erzählen: "Wenn ich in den Keller geh', dann ruft's aus allen Ecken ‚Glückauf'!"
Die Grubenhüter drückten beide Augen zu, und dem christlichen Gewissen entsprach diese "ausgleichende Gerechtigkeit" durchaus. Kein katholischer Bergmann wäre etwa auf die Idee gekommen, dem Herrn Pastor zu beichten, er hätte ein "Mudderklitzje" von der Grube mit nach Hause genommen. Lediglich die Beschaffenheit des Holzes hinderte die Bergleute daran, massenhaft
Madonnen, St.-Barbara-Figuren oder Kruzifixe aus den "Mudderklitzjer" zu schnitzen. Eine Sünde war es jedenfalls nicht. Und nur in Ausnahmefällen kam es zu wirklichen Gewissensbissen:

Der Peter beispielsweise hatte seine Familie jahrzehntelang mit "Mudderklitzjer" versorgt. Jetzt ist er in Pension. Sein Schwager aber ist Nicht-Bergmann, und der weiß es nun mal nicht besser. Denn eines Tages hält er dem Peter doch tatsächlich vor, daß der jahrzehntelang die Grube bestohlen habe. Der Peter versteht die Welt nicht mehr. Doch dann plagt ihn das Gewissen. Er setzt sich an den Küchentisch und rechnet mühsam aus, um wie viele Kubikmeter er die Grube bestohlen habe: "Ein Jahr - fünf Kubikmeter, 40 Jahre - 200 Kubikmeter." Bei diesen Zahlen rinnen Peter die Schweißperlen auf die Stirn. Er glaubt sich bereits der Hitze des Fegefeuers ausgesetzt, und die soll ja noch größer sein als die auf der 7. Sohle. Mit dem Vorsatz, fürs erste einmal zehn Kubikmeter zu beichten - "man braucht ja nicht gleich mit der Tür ins Haus zu fallen" -‚ mit diesem Vorsatz geht er zum Herrn Pastor in den Beichtstuhl: "Herr Paschdor, ich hann zehn Kubikmeter Holz geklaut". "Warum dieses?" fragt der Herr Pastor zurück. "Ich hanns ähwe gebraucht, um de Herd ahnsemache", antwortet der Peter fast ohne Reue.

Da setzt der geistliche Herr zu einer Standpauke an: "Wie kannst du nur so etwas tun? Weißt du denn nicht, daß es eine Sünde ist? In der Bibel steht: ‚Du sollst nicht stehlen!' Hättest du dir denn nicht das Holz von der Grube mitbringen können, wie es die anderen Bergleute auch machen?"

 

Entnommen aus: Bermannsgeschichten von der Saar, von Gerhard Bungert/Klaus Michael Mallmann, ISBN: 3-922807-01-1

Fotos: Quelle: Bergmannskalender 2000

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