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2. Auflage Mai 2010
ISBN 9783839183243
232 Seiten, 16,00 €
Klappentext:
Das Buch
Nicht nur, daß der Baumeister Chenu sich mit dem Plan
und dem Bau eines gewaltigen Tempels herumschlagen muß, jetzt soll er
auch noch spionieren. Und zwar am pikantesten Ort in ganz Ägypten. Sein
Dienstherr, Pharao Chufu, schickt ihn kurzerhand in seinen Harem, damit
Chenu herausfindet, wer der unheimliche Mörder ist, der dort umgeht. Zwei
von Chufus Gemahlinnen wurden bereits erwürgt. Und Meritites, Pharaos
Königin, könnte das nächste Opfer werden... Chenus Einsatz bleibt nicht
unbelohnt. Chufu ermöglicht ihm einen sagenhaften Aufstieg zum besten
Arzt Ägyptens, macht ihn schließlich zu seinem Leibarzt und erteilt ihm
den Auftrag, Osiris' Orakel zu erfüllen und für Pharao die größte Pyramide
der Welt zu bauen. Doch Chenu erkennt nicht das Wohlwollen Chufus; denn
er ist ein Quertreiber, eigensinnig, klug und ein außergewöhnlicher Charakterkopf.
Und er haßt Chufu von ganzem Herzen. Doch beide - Pharao und Arzt - sind
durch das Wissen um brutale Morde und Familiengeheimnisse auf Gedeih und
Verderb aneinander gebunden. Erst zum Schluß, als es zu spät ist, erkennen
beide, daß sie sich ihr ganzes Leben lang nicht eingestehen wollten, daß
sie trotz aller Gegensätze, wahre Freunde gewesen sind...
Leseprobe aus:
Der Baumeister
Kapitel 14
..."Was soll das? Ich habe dich nicht gerufen!" Chufu
schien immer noch böse, als er sich dem eintretenden Chenu zuwandte, doch
Chenu ließ sich nichts anmerken. Mit unbekümmerter Frechheit sagte er:
"Natürlich habt Ihr mich rufen lassen! Deinen eigenen Boten, deinen persönlichen
Begleiter hast du zu mir geschickt, und ich bin auf dem schnellsten Wege
zu Dir geeilt. Der Zwerg machte es so dringlich, daß ich glaubte, Dir,
meiner Allerheiligsten Majestät, wäre eine schreckliche Krankheit zugestoßen.
Alles ließ ich stehen und liegen und eilte zu dir, so wie ich war. Nur
die Sorge um dich trieb mich weg von meiner wichtigen Arbeit." Chenus
Gesicht drückte plötzlich einen wilden Schmerz aus. Mitfühlend und besorgt
nahm er Chufus Handgelenke, fühlte nach dem Herzschlag und fragte scheinheilig:
"Was habt ihr, Herr? Macht Euch wieder das Herz Kummer?" Chufu stand für
einen Augenblick wie angewurzelt. Wie konnte er seinen Baumeister so mißverstehen?
Eigens wegen ihm eilte er hierher, von Sorge getrieben. Er beruhigte sich
etwas und sagte, sich räuspernd: "Nein, nicht das Herz. Ich sagte dir
doch, daß ich dich rufen lasse. Ich wollte dich belohnen. Immer noch habe
ich dich nicht meine Dankbarkeit spüren lassen, weil Karoma einen Sohn
geboren hat. Deine Diener richteten meinen Boten aus, daß sie dir Bescheid
sagen, aber du kamst nicht. Es stellte sich heraus, daß du gar nicht zu
Hause warst. Chenu, nutze meine Großzügigkeit nicht aus. Für die Zukunft
verlange ich, daß du dich bei mir abmeldest."
Chenu nickte und machte ein zerknirschtes Gesicht. "Verzeiht mir, Herr,
aber ich war so damit beschäftigt Euren Auftrag auszuführen, daß ich nicht
daran dachte, daß Ihr mir etwas anderes unterstellen könntet, als mich
meiner Arbeit zu widmen. Nur Euch, meiner geliebten Majestät galten meine
Gedanken und Eurem Auftrag." Chufu wirkte immer unsicherer, und der einzige
Ausweg, sich nicht in Chenus hübschem Gesicht zu verlieren, schien Wut
zu sein. Mit einem bösen Blick sah er nach dem Zwerg, der sich bis jetzt
still hinter Chenus Beinen gehalten hatte. Chenu bemerkte den Blick, ließ
Chufus Hände los und sagte barsch zu dem Zwerg: "Gib mir die Rollen, Kleiner!
Was stehst du hier herum und hältst Maulaffen feil. Siehst du denn nicht,
wie begierig der Herr der beiden Länder sehen will, was ich für ihn getan
habe. Rasch, rasch!" Und zu Chufu gewandt sagte er: "Belohnen! Herr, für
was? Ich habe keine Belohnung verdient. Mir ist es genug, wenn ich Euch
glücklich sehe. Und wahrlich, wenn ich Euch jetzt zeige, was ich geschaffen
habe, so ist das Leuchten Eurer wunderbaren Augen mir Belohnung genug.
Wisset, ich habe es geschafft, die Pläne für den Gedenktempel, dessen
Bau Ihr mir aufgetragen habt, fertigzustellen. Und glaubt mir, ein Gott
persönlich hat mir dabei geholfen." Chenu richtete sich zu seiner ganzen
Größe auf. Er wußte, daß er gut aussah. Er trug nur einen kurzen Lendenschurz,
einen einfachen Halskragen und kein Hemd. Seine braungebrannte Brust war
glatt und voller Muskeln. In den paar Tagen, in denen er gefastet hatte,
war er schlanker geworden. Seit mehr als einem halben Mond hatte er sich
den Schädel nicht rasiert, und die dunklen, kurzen, zerzausten Haare gaben
seinem hübschen Männergesicht einen jungenhaften Schalk. Auch war er nicht
geschminkt, und das mußte Chufu gegenüber den Anschein erwecken, daß er
sich nicht einmal Zeit für sich selbst genommen hatte, bevor er seinem
Herrn unter die Augen getreten war. Chenu gab Chufu genug Zeit, ihn zu
betrachten, dann sagte er mit einer großen Geste: "Thot, der Weise selbst,
hat zu mir gesprochen!"
"Was?" Chufu hatte jetzt für nichts anderes mehr Sinn. Vergessen der Zwerg,
vergessen alle Begehrlichkeit und alles Warten auf Chenu. Ein wahrhaftiger
Gott hatte zu seinem Baumeister gesprochen. Chenu rollte die Papyri auf,
nahm Chufus Hand und legte sie auf ein Ende der dicken Rolle. "Hier",
sagte er, "haltet sie fest mit Eurer königlichen Hand. Fühlt den Papyrus,
auf dessen Seiten ich den göttlichen Willen festgehalten habe." Chufu
zog seine Hand zurück, schlug Chenu auf die Finger und sagte grob: "Bei
allen Göttern! Chenu hör auf mit deinen unerhörten Schmeicheleien. Hat
dir noch niemand gesagt, daß du mich nicht anzufassen hast? Ich bin nicht
dein Kamerad, der mit dir die Schulbank gedrückt hat. Ich bin dein Gott!
Und hör endlich mit deinem Gerede auf, welches du wahrscheinlich den schleimigen
Höflingen abgelauscht hast. Jetzt sage mir, was das ist." Chenu ließ sich
nicht beirren, denn der brüllende Mann vor ihm beeindruckte ihn kaum.
Also kam er wieder zu seiner alten Gewohnheit zurück, mit ihm zu reden
wie mit Seinesgleichen. "Also, hört mir zu. Aber tut mir den Gefallen
und legt die Hand auf den Papyrus, denn sonst rollt sich alles wieder
zusammen. Hier, seht her!" Und Chenu entrollte stolz den Papyrus bis zu
seiner vollen Größe. Seine schöne Handschrift bedeckte die Seiten. In
hieratischer Schrift waren Berechnungen ausgeführt und Erläuterungen beigefügt.
Chufu überflog die vielen Schriftzeichen. Mathematische Formeln wirbelten
vor seinen Augen, Winkelberechnungen und Zahlenkolonnen. "Soll ich das
vielleicht alles selbst lesen? Erkläre dich, Chenu, aber schnell!" In
Chenu kroch allmählich die Wut hoch. Wozu war denn alle Mühe gut gewesen?
Eine Papyrusrolle hielt er noch in der Hand; mit heftigen Bewegungen entrollte
er sie und beschwerte die Enden mit Weinbechern. Mit dem Zeigefinger pochte
er heftig auf die Seite. Dann sagte er laut, ohne Umschweife und ohne
Respekt zu zeigen: "Also gut! Ich mach es kurz! Fünf Tage habe ich in
meiner Kammer gesessen. Weder Speise noch Trank nahm ich zu mir, damit
ich dir die fertigen Pläne zeigen kann. Ich habe hier aufgeführt, was
zu dem Tempelbau benötigt wird, was er dich kostet und wie er gebaut wird.
Seit, ich weiß nicht wievielen Monden, quäle ich mich mit den Gedanken
an deinen Gedenktempel, mit dem du vor den Göttern prahlen willst. Ich
kasteite mich, fand für nichts anderes mehr Zeit, nicht einmal schminken
konnte ich mich. Ja, und dann tat ich etwas, was ich als letzten Ausweg
ansah. Ich ging des Nachts in die Wüste! Nur für dich setzte ich mich
den Gefahren der Nacht aus. Löwen umringten mich, Skorpione wollten mich
stechen. Nur die Götter regierten in dieser Nacht über die dunkle Welt.
Verzweifelt lag ich auf meinem Bauche, damit ich meinem Pharao gerecht
werden kann. Geweint habe ich, Chufu, geweint wie ein Weib. Und dann,
dann kam Hilfe von einer Seite, wo ich sie am wenigsten erwartet hätte.
Der Gott Thot selbst hat mir schließlich geholfen, damit ich dir das hier
zeigen kann!" Er zog Chufu an der Hand näher und wies auf den aufgerollten
Papyrus. "Sieh genau hin, Herr der beiden Länder. Sieh, wie ich dich verewigt
habe. So sehe ich Dich: in deiner ganzen erhabenen Stärke. Sieh, wie ich
deine Majestät wiedergegeben habe. Kraftvoll und stark, als Wächter über
dein Reich. Und so bist du auch, wenn du heute nicht zänkisch wie ein
altes Weib wärest!"
Der Zwerg erbleichte. Tastend griff er nach einer Stuhllehne
und hielt die Luft an. Was jetzt kommen mußte, würde wahrscheinlich schlimmer
werden als ein Erdbeben. Das hier war Chenus Untergang und mit Sicherheit
sein letzter Tag auf Kemets schwarzer Erde. Schon hörte er im Geiste seinen
Herrn nach den Wachen rufen, die Chenu abführen sollten. Aber Chufu blieb
still. Unglauben spiegelte sich in seinen Augen wieder, während er den
Papyrus betrachtete. Auf feinen Rasterlinien ausgerichtet, jedes Detail
genau erkennbar, jeder Pinselstrich nicht stärker als das Haar eines Menschen,
war das Bild mit größter Sorgfalt gemalt. Das Abbild eines gewaltigen
steinernen Löwen blickte ihn an. Die Zahlen daneben verdeutlichten sein
Ausmaß: Hundertsiebenundvierzig königliche Ellen war der mächtige Leib
lang, vierzig Ellen hoch ragte das Haupt des Löwen in den Himmel. Aber
das Bild zeigte keinen gewöhnlichen Löwen, nein, nur den kräftigen, liegenden
Leib des Königs der Tiere. Der Kopf dieses Tieres aber war ein Menschenkopf,
gekrönt mit dem königlichen Nemes - Tuch. Doch das beeindruckendste blieb
das Gesicht der Skulptur: deutlich trug das steinerne Bild die Züge Pharaos.
Lange betrachtete Chufu das Bild. Ehrfürchtig flüsterte er schließlich:
"Shesep Ankh"! Mit den Händen hielt er die Enden der Rolle fest und beugte
sich tiefer über den Tisch. Schweigend und bewundernd, als hätte er nicht
gehört, welche Beleidigung Chenu ihm an den Kopf geworfen hatte. Immer
noch hielt sich Djet an der Stuhllehne fest, weiß wie ein Leintuch; immer
noch stand Chenu erhobenen Hauptes neben Pharao. Seine Wangenmuskeln traten
dick hervor, das einzige, woran man erkennen konnte, wie groß sein innerer
Aufruhr war. Nur zu gut wußte er, daß er Chufu beleidigt hatte, und er
konnte sich die Strafe dafür ausrechnen. Aber er hatte alles aufs Spiel
gesetzt, und jetzt würde sich zeigen, ob er gewann oder verlor. Und dann
lachte Chufu! Laut und polternd dröhnte es in dem Gemach und wie eine
Antwort fiel sein Löwe mit mächtigem Gebrüll ein. Dann schlug er Chenu
mit der flachen Hand zwischen die Schulterblätter, so daß dieser ein paar
Schritte vorwärts taumelte. "Ich habe mich nicht in dir getäuscht, Chenu!"
lachte Chufu. "Wahrhaftig, so wie ich bin, hast du mich gesehen. Ja, so
sollst du den Tempel bauen. Wunderbar. Komm, trink mit mir. Das muß gefeiert
werden." Immer noch albern kichernd rollte Chufu die Papyri zusammen:
"Zänkisch wie ein altes Weib! Es geht nichts über einen guten Freund,
der einem von Zeit zu Zeit die Wahrheit sagt." Mit einem vernichtenden
Seitenblick auf den Zwerg sagte er dann: "Schenke Wein aus und laß endlich
die Stuhllehne los. Dieser Wicht sagt mir auch manchmal die Wahrheit,
er ist der Einzige, dem ich es erlaube. Aber er verpackt sie mir oft in
allzu schöne Worte. Keinen Mumm hat er in seinen krummen Knochen. Aber
du, Chenu, du hast Mut. Du greifst einem Löwen noch in den Rachen. Und
jetzt trinke, Chenu! Heute abend wollen wir feiern!...
Auszüge aus
Rezensionen:
...Die Charaktere sind unglaublich
detailliert gezeichnet, besonders die beiden Hauptfiguren Chenu und Chufu.
Man spürt ihre innere Zerrissenheit. Hass und Liebe, Wut und Freude, Hoffnung
und Enttäuschung. Auf den Leser strömt eine wahre Flut von Gefühlen ein.
Für mich ist die Handlung oftmals in den Hintergrund getreten, so sehr
hat mich das Charakterporträt dieser beiden Hauptfiguren fasziniert. Auch
die Homosexualität Chufus und seine Liebe zu Chenu ist feinfühlig gezeichnet
und gleitet in keiner Situation ins kitschige oder, schlimmer noch, peinliche
ab. Nur die Handlung hatte meiner Meinung nach ein paar langatmige Stellen.
Ein ungewöhnlicher Roman aber auf alle Fälle lesenswert...
... Mit ihrem neuen Roman "Deshret"
beweist die Autorin Katharina Remy ein weiteres Mal ihre Erzählkunst.
Geschickt verwebt sie eine Basis aus authentischer Geschichte - einschließlich
historischer Persönlichkeiten - mit einem erfundenen Überbau, der spannend
und mitreißend gestaltet wurde. Die Charaktere, die rund um den homosexuellen
Pharao Chufu entstanden sind, werden sehr abwechslungsreich und einfühlsam
gezeichnet. Besonders wächst uns der Dickkopf Chenu, ein junger Architekt,
der zum Baumeister Pharaos ernannt wird, ans Herz. Der Roman handelt vor
allem vom Bau der Pyramiden von Gizeh, doch er ist sehr vielschichtig
aufgebaut. Eine nicht unwesentliche Rolle spielen auch die altägyptische
Heilkunst, wodurch Remy den Bogen zu ihrem ersten, in einer wesentlich
früheren Epoche spielenden Buch schlägt, und ein raffiniert in die Geschichte
eingebauter Kriminalfall. Sehr interessant ist auch diesmal das Geflecht
der Beziehungen zwischen den Menschen in Remys Roman gestaltet. Gerade
ihre Leidenschaften lassen die Figuren unglaublich real erscheinen. Ich
bin nicht überaus versiert in Archäologie und Ägyptologie, doch soweit
ich es beurteilen kann, hat die Autorin das Leben im alten Ägypten sehr
realistisch und glaubwürdig beschrieben. Insgesamt war dieses Buch eine
Leseerlebnis der Extraklasse...

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