Am Horizont der Sonne

 

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Der Hathortempel von Dendera

 

Lokalisation des Tempels

Die göttlichen Besitzer

Beschreibung des Tempels

Das junge Mamisis und weitere Bestandteile des Tempels

Das programmatische Motiv des Hathor-Kopfes

Die drei Bauetappen

Der Tierkreis von Dendera

Literatur


Lokalisation des Tempels

Der Hathortempel von Dendera liegt - wie der Name schon vermuten lässt - in der Stadt Dendera, etwa 65 km nördlich des heutigen Luxor, westlich von Qena. Von den Griechen wurde Dendera - die Hauptstadt des 6. oberägyptischen Gaues "Jqr" - als Tenyris bezeichnet, während die alten Ägypter selbst die Stadt unter "Iunet" kannten.
Erste Besiedlungsspuren sind bereits aus der prädynastischen Zeit bekannt (vgl. Arnold 1992), dennoch blieb die Stadt bis hin zur griechisch-römischen Epoche bedeutungslos. Ihren heutigen Ruhm verdankt Iunet einzig der Rolle als Kultort der Göttin Hathor - die zugleich auch die Schützgöttin dieser Stadt und des 6. oberägyptischen Gaues ist - in ptolemäischer Zeit sowie als Kultort der Isis in der Römerzeit (vgl. Tempel der Isis und römisches Mamisi). In Dendera befindet sich einer der berühmtesten und best erhaltensten Tempel der griechisch-römischen Epoche: der Hathortempel von Dendera. Dieser Tempel stellt nicht nur aufgrund seines Erhaltungszustandes eine wahre "Augenweide" dar, sondern auch wegen seiner überlieferten Inschriften, architektonischen Merkmale und seinen fantastischen Abbildungen.
Der Bau selbst wurde unter der Regierung Ptolemaios IX. (ca. 80 v.Chr.) begonnen und unter Kaiser Tiberius und Nero weitergebaut (bis ca. 68 n.Chr.) (vgl. Rachet 2002). Dies ergibt eine Gesamtbauzeit von ca. 148 Jahren.
Anhand einiger Quellen konnte nachgewiesen werden, dass in Iunet auch Bauwerke aus dem Alten Reich zu finden waren (wie etwa ein Tempel des Cheops). Reste dieser frühen Anlagen sind bis heute jedoch nicht mehr aufzufinden (ausgenommen eines kleinen Ka-Hauses des Mentuhotep Nebhepetre), da jene Bauten in spätptolemäischer Zeit zu Gunsten Neuerer abgebrochen wurden (vgl. Arnold 1992).


Die göttlichen Besitzer

Hathor: Die kuh- oder menschengestaltige Göttin mit der gehörnten Sonnenscheibe auf dem Kopf war seit der frühesten Zeit mit dem Himmels- und Königsgott Horus verbunden, worauf auch ihr Name "Haus des Horus" verweist. Sie ist die Muttergöttin, Mutter bzw. Gemahlin des Horus und gleichzeitig Mutter des jungen Königs, der von ihr gesäugt wird. Ihr solarer Aspekt wurde durch die Sonnenscheibe verdeutlicht, die zwischen ihren Kuhhörnern erscheint. Sie war in verschiedenste Mythen eingebunden und wurde an zahlreichen Kultorten verehrt. So galt sie nicht nur als Königsgöttin, sondern auch als Liebesgöttin und Muttergottheit, als Schutzherrin bei Geburt und Regeneration, als Sonnen- oder Mondauge, als Herrin der Freude, des Tanzes und der Musik. Durch die Heterogenität ihrer Eigenschaften oder Charakteristika, konnte sie mit fast jeder anderen Göttin verbunden werden oder mehrfigurig erscheinen. In ihrem Hauptkultort Dendera wurden neben Hathor auch ihr Gemahl Horus, der Falkengott von Edfu, sowie ihr Sohn Ihi verehrt.

Ihi: Ihi wurde als Gott des Musizierens und des Tanzens angesehen, was möglicherweise durch die unmittelbare Verwandtschaft zu seiner Mutter Hathor zu erklären ist. Er wurde mit Sistrum dargestellt - demnach mit dem charakteristischen Instrumentarium der Hathor - und wurde mit der aufgehenden Morgensonne gleichgesetzt. Im Hathortempel von Dendera heißt es an der Südwand: "Worte zu sprechen von Ihi, dem Großen, dem Sohn der Hathor, dem erhabenen Kind mit glänzendem Zopf: Ich erfreue dein Herz durch Herrlichkeiten für deine Gestalt, und ich vertreibe die Wut mit Sprüchen. [...] Worte zu sprechen von Ihi, dem Großen, dem Sohn der Hathor, dem Re in seiner Gestalt des großen Gottes, der mit dem Diadem erscheint als König von jztj (Ägypten) und als Herr des Sedfestes, dem Großen seines Thrones: Du beherrscht Dendera millionenfach von der nechech-Ewigkeit bis zur Vollendung der Djed-Ewigkeit [...]"


Beschreibung des Tempels

Der Tempelkomplex von Dendera wurde von einer 10 Meter starken Ziegelumfassungsmauer umgeben. Diese Mauer wurde in einer dritten Bauphase - wahrscheinlich unter Nero - erbaut und zeigt eine Wellenstruktur auf, die durch einen Wechsel von konkaven und konvexen Wölbungen der Mauersegmente hervorgerufen wird. Wildung betont diesbezüglich, dass die Wellenstruktur "[...]wohl als Abbild des Urozeans zu verstehen ist, aus dem sich der Tempel als Urhügel, als Ort der Schöpfung erhebt" (Wildung 2002, 215).

Von dieser Umfassungsmauer wird ein großer Hof umgeben, von welchem der Besucher unmittelbar in das Pronaos geführt wird, das von 6 x 4 Hathor-Kapitell-Säulen gebildet wird. Unter den Hathor-Kapitell-Säulen versteht man Säulen, über deren Schaft sich als Kapitell ein vier-köpfiger Hathor-Kopf befindet, d.h. ein frontal abgebildetes Frauengesicht, wobei auf dem Kopf Kuhhörner angebracht wurden. Die Decke des Pronaos und der Architrave wurde mit Darstellungen des Sonnenzyklus geschmückt, wonach das Tempeldach zum Abbild des Himmels wurde. Im Unterschied zu anderen Tempeln der griechisch-römischen Epoche treten an die Stelle der Pflanzensäulen monumentale Hathor-Sistren. Das Sistrum ist eine Art große Rassel, mit langem Griff und schlaufenartigem Bügel. Auf dem Griff selbst war der Kopf der Hathor abgebildet. In früheren Zeiten spiegelte das Sistrum eine kultische Symbolik wider: es symbolisierte das Papyrusdickicht, in welchem sich Hathor mit ihrem Sohn einst verstecken musste (vgl. Tyldesley). Laut Wildung wurde durch dieses einzigartige Merkmal des Hathor-Tempels die Architektur zu einem sichtbaren und greifbaren Symbol der kultischen Musik zu Ehren der großen Göttin von Iunet.

Auf das Pronaos folgt der Kernbau, welcher mit einem Erscheinungssaal beginnt. An diesen schließen sich zum Einen mehrere Kammern an, die zur Aufbewahrung von Kultobjekten dienten, zum Andern Ausgänge die zu den außerhalb gelegenen heiligen Brunnen führen. Durch den Erscheinungssaal gelangt man über eine kleine Rampe in den Opfertischraum, von wo aus man über Treppen zur Terrasse gelangt, als auch zu der Neujahrskapelle und dem Naos. Unmittelbar auf den Opfertischsaal folgt der sogenannte Saal der Götterneunheit, durch welchen man an der hinteren Seite einerseits in einen kleinen Innenhof gelangt - welcher zur Weihung des Festopfers diente - andererseits in das Wabet (in welchem Krönungs- und Bekleidungszeremonien abgehalten wurden).
Im hintersten und dunkelsten Teil des Tempels befindet sich schließlich das Barkensaktuar, in welchem die Barken des Horus von Edfu, der Hathor von Dendera, des Harsomtus und der Isis von Dendera aufbewahrt wurden. Das Barkensanktuar wird von einer Art Galerie umrandet, innerhalb derer sich 11 Sanktuare verschiedner Kulte reihen.

Als weiteres erstaunliches Merkmal dieses Tempels kann das System von Krypten angesehen werden, die bis in die Tempelfundamente hinabreichen. Die Funktion dieser Krypten ist durch die Wandreliefs selbsterklärend: sie dienten als Aufbewahrungsräume für die goldenen Kultgeräte des Tempels. Daneben erzählen die Texte von einer Gründung des Hathor-Tempels in der Zeit des Alten Reiches. Wildung betont bezüglich dieser Krypten, dass "drei Jahrtausende religiöser und künstlerischer Tradition hier ihren bleibenden Ausdruck gefunden haben" (Wildung 2002, 221).


Das junge Mamisi und weitere Bestandteile des Tempels

Unter einem Mamisi versteht man ein mythisches Geburtshaus. Im Hathor-Tempel von Dendera wurde die Umfassungsmauer über das alte Mamisis des Nektanebo I. überbaut, so dass heute nur noch das Mamisi aus der Zeit des Kaisers Trajan vorhanden ist. Dieses Tempelhaus wird von einem Umgang aus Pflanzensäulen mit Kompositkapitellen umrandet. Die Reliefs dieses kleinen Tempels zeigen Darstellungen des Gottes Bes sowie Abbildungen und Szenen der Hathor mit ihrem kindlich dargestellten Sohn Harsomtus. Die Funktion dieses Mamisis oder Geburtshauses ist anhand der Szenen eindeutig zu erkennen: In diesem Gebäude vollzog sich die kultische Hochzeit des Amun-Re und der Hathor, aus welcher Beziehung Harsomtus hervorging.

Daneben gehört ein heiliger See, der sich auf 25 x 30 Meter erstreckt, ein "Sanatorium" sowie zwei Osiris-Kapellen, in welchen im Rahmen der Osiris-Mysterien die Auferstehung des Gottes kultisch vollzogen wurde. Dem Mythos nach befindet sich in Dendera auch ein Grab des Osiris, da hier eines seiner Körperteile bestattet wurde.

Bis heute befindet sich in Mitten des Tempelkomplexes eine koptische Kirche unmittelbar vor dem Pronaos, welche koptische Mönche als Kloster errichteten. Trotz der unterschiedlichen Glaubensrichtungen existieren Kloster und altägyptischer Tempel bis heute nebeneinander (auch wenn sie nicht mehr für theologische Zwecke genutzt werden).


Das programmatische Motiv des Hathor-Kopfes


Da der Tempel von Dendera der Göttin Hathor geweiht war, sich das Motiv des Hathor-Kopfes durch den gesamten Tempelkomplex. Das programmatische Motiv ist insbesondere für die Säulen und die Tempelfassade charakteristisch, findet sich aber auch "in großem Maßstab" an der hinteren Außenwand des Tempels wieder. An dieser Rückwand befindet sich das Antlitz der Göttin genau in der Tempelachse. An der Innenseite dieser Mauer befindet sich an eben dieser Stelle ein kleiner Hathor-Kopf. Wildung vermutet, dass in diesem Raum das Kultbild der Göttin der Liebe, des Tanzes und der Musik aufbewahrt wurde. Er postuliert weiter, dass demnach das Heiligste so nach außen hin projiziert wurde, ohne dass der Blick auf das heilige Bild der Hathor der Öffentlichkeit preisgegeben wurde.


Die drei Bauetappen

Anhand der baulichen Merkmale kann man im Hathortempel zu Dendera drei verschiedene Bauphasen unterteilen:

1. die ptolemäische Bauphase
2. die Bauphase unter Kaiser Tiberius
3. die Bauphase unter Nero


Der Kernbau des Tempels - als erster Abschnitt der Bauphase - wurde unter Ptolemaios VIII. Euergetes II., als ein in sich geschlossener Tempel errichtet. Laut Arnold (1992) wird in neuerer Zeit jedoch angenommen, dass der Kernbau erst 54 v.Chr. unter Ptolemaios XII. Auletes in seiner heutigen Gestalt erbaut wurde. Trotz dieser Unsicherheiten in der Datierung der ersten Baueinheit -welche das 35 x 81 Meter große Tempelhaus umfasst - steht jedoch fest, dass es in ptolemäischer Zeit errichtet wurde.

Eine zweite Bauphase kann in die Ära des römischen Kaisers Tiberius datiert werden, d.h. 14 n.Chr. bis 37 n.Chr. Der öffentlichkeitsscheue Tiberius wurde insbesondere von Tacitus und Sueton, als heimtückischen Diktator beschrieben. Unter seiner Herrschaft wurde das Pronaos mit den weltberühmten 4 x 6 Hathor-Kapitell-Säulen nach vorne verlegt.

Die letzte Bauphase erfolgte unter Nero. Zu jenem Zeitpunkt wurde der 280 x 280 Meter große Tempelkomplex mit einer 10 Meter starken Ziegelmauer umrandet. Arnold vermutet, dass diese Ziegelumwallung wohl in Nachahmung an den Horus-Tempel von Edfu erfolgt sein soll.

Laut Wildung ist der Tempel, trotz der langwierigen Bauzeit nie ganz fertig gestellt worden.


Der Tierkreis von Dendera

In der spätägyptischen Zeit wurde das astronomische Denken und die Darstellungen mit babylonischen und griechischen Eigenschaften in Verbindung gebracht. Eine der bekanntsten Darstellungen diesbezüglich ist der sogenannte "Zodiak", der im Hathortempel von Dendera abgebildet wurde. Der Zodiak stammte aus der griechisch-römischen Epoche und zeigt die Darstellung des babylonischen Tierkreises. Die ägyptischen Dekane wurden hier in die babylonische Abbildung eingeflochten, indem sie nicht mehr die Nachtsunden anzeigten, sondern indem jeweils drei Dekangruppen einem Tierkreiszeichen zugeordnet wurden.
Diese auch als Tierkreis von Dendera bekannte Inschrift unter dem Dach des Tempels wurde 1837 bei der ägyptischen Expedition Napoleons entdeckt, abgebaut und nach Frankreich verschifft. Das Original befindet sich heutzutage im Pariser Louvre.


Literatur

Arnold, Dieter: Die Tempel Ägyptens. Götterwohnungen. Baudenkmäler. Kultstätten. Zürich: Artemis, 1992.

Arnold, Dieter: Lexikon der ägyptischen Baukunst. Düsseldorf: Albatros, 2000.

Rachet, Guy: Lexikon des alten Ägypten. Düsseldorf: Patmos, 2002.

Wildung, Dietrich: Ägypten. Von der prähistorischen Zeit bis zu den Römern. Köln: Taschen, 2001.

November 2002

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