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Lokalisation des Tempels Die göttlichen Besitzer Beschreibung des Tempels Das junge Mamisis und weitere Bestandteile des Tempels Das programmatische Motiv des Hathor-Kopfes Die drei Bauetappen Der Tierkreis von Dendera Literatur
Der Hathortempel von Dendera liegt - wie der Name schon vermuten lässt
- in der Stadt Dendera, etwa 65 km nördlich des heutigen Luxor, westlich
von Qena. Von den Griechen wurde Dendera - die Hauptstadt des 6. oberägyptischen
Gaues "Jqr" - als Tenyris bezeichnet, während die alten Ägypter
selbst die Stadt unter "Iunet" kannten.
Hathor: Die kuh- oder menschengestaltige Göttin mit der gehörnten Sonnenscheibe auf dem Kopf war seit der frühesten Zeit mit dem Himmels- und Königsgott Horus verbunden, worauf auch ihr Name "Haus des Horus" verweist. Sie ist die Muttergöttin, Mutter bzw. Gemahlin des Horus und gleichzeitig Mutter des jungen Königs, der von ihr gesäugt wird. Ihr solarer Aspekt wurde durch die Sonnenscheibe verdeutlicht, die zwischen ihren Kuhhörnern erscheint. Sie war in verschiedenste Mythen eingebunden und wurde an zahlreichen Kultorten verehrt. So galt sie nicht nur als Königsgöttin, sondern auch als Liebesgöttin und Muttergottheit, als Schutzherrin bei Geburt und Regeneration, als Sonnen- oder Mondauge, als Herrin der Freude, des Tanzes und der Musik. Durch die Heterogenität ihrer Eigenschaften oder Charakteristika, konnte sie mit fast jeder anderen Göttin verbunden werden oder mehrfigurig erscheinen. In ihrem Hauptkultort Dendera wurden neben Hathor auch ihr Gemahl Horus, der Falkengott von Edfu, sowie ihr Sohn Ihi verehrt. Ihi: Ihi wurde als Gott des Musizierens und des Tanzens angesehen, was möglicherweise durch die unmittelbare Verwandtschaft zu seiner Mutter Hathor zu erklären ist. Er wurde mit Sistrum dargestellt - demnach mit dem charakteristischen Instrumentarium der Hathor - und wurde mit der aufgehenden Morgensonne gleichgesetzt. Im Hathortempel von Dendera heißt es an der Südwand: "Worte zu sprechen von Ihi, dem Großen, dem Sohn der Hathor, dem erhabenen Kind mit glänzendem Zopf: Ich erfreue dein Herz durch Herrlichkeiten für deine Gestalt, und ich vertreibe die Wut mit Sprüchen. [...] Worte zu sprechen von Ihi, dem Großen, dem Sohn der Hathor, dem Re in seiner Gestalt des großen Gottes, der mit dem Diadem erscheint als König von jztj (Ägypten) und als Herr des Sedfestes, dem Großen seines Thrones: Du beherrscht Dendera millionenfach von der nechech-Ewigkeit bis zur Vollendung der Djed-Ewigkeit [...]"
Der Tempelkomplex von Dendera wurde von einer 10 Meter starken Ziegelumfassungsmauer umgeben. Diese Mauer wurde in einer dritten Bauphase - wahrscheinlich unter Nero - erbaut und zeigt eine Wellenstruktur auf, die durch einen Wechsel von konkaven und konvexen Wölbungen der Mauersegmente hervorgerufen wird. Wildung betont diesbezüglich, dass die Wellenstruktur "[...]wohl als Abbild des Urozeans zu verstehen ist, aus dem sich der Tempel als Urhügel, als Ort der Schöpfung erhebt" (Wildung 2002, 215). Von dieser Umfassungsmauer wird ein großer Hof umgeben, von welchem der Besucher unmittelbar in das Pronaos geführt wird, das von 6 x 4 Hathor-Kapitell-Säulen gebildet wird. Unter den Hathor-Kapitell-Säulen versteht man Säulen, über deren Schaft sich als Kapitell ein vier-köpfiger Hathor-Kopf befindet, d.h. ein frontal abgebildetes Frauengesicht, wobei auf dem Kopf Kuhhörner angebracht wurden. Die Decke des Pronaos und der Architrave wurde mit Darstellungen des Sonnenzyklus geschmückt, wonach das Tempeldach zum Abbild des Himmels wurde. Im Unterschied zu anderen Tempeln der griechisch-römischen Epoche treten an die Stelle der Pflanzensäulen monumentale Hathor-Sistren. Das Sistrum ist eine Art große Rassel, mit langem Griff und schlaufenartigem Bügel. Auf dem Griff selbst war der Kopf der Hathor abgebildet. In früheren Zeiten spiegelte das Sistrum eine kultische Symbolik wider: es symbolisierte das Papyrusdickicht, in welchem sich Hathor mit ihrem Sohn einst verstecken musste (vgl. Tyldesley). Laut Wildung wurde durch dieses einzigartige Merkmal des Hathor-Tempels die Architektur zu einem sichtbaren und greifbaren Symbol der kultischen Musik zu Ehren der großen Göttin von Iunet. Auf das Pronaos folgt der Kernbau, welcher mit einem Erscheinungssaal
beginnt. An diesen schließen sich zum Einen mehrere Kammern an, die
zur Aufbewahrung von Kultobjekten dienten, zum Andern Ausgänge die
zu den außerhalb gelegenen heiligen Brunnen führen. Durch den
Erscheinungssaal gelangt man über eine kleine Rampe in den Opfertischraum,
von wo aus man über Treppen zur Terrasse gelangt, als auch zu der Neujahrskapelle
und dem Naos. Unmittelbar auf den Opfertischsaal folgt der sogenannte Saal
der Götterneunheit, durch welchen man an der hinteren Seite einerseits
in einen kleinen Innenhof gelangt - welcher zur Weihung des Festopfers diente
- andererseits in das Wabet (in welchem Krönungs- und Bekleidungszeremonien
abgehalten wurden). Als weiteres erstaunliches Merkmal dieses Tempels kann das System von Krypten angesehen werden, die bis in die Tempelfundamente hinabreichen. Die Funktion dieser Krypten ist durch die Wandreliefs selbsterklärend: sie dienten als Aufbewahrungsräume für die goldenen Kultgeräte des Tempels. Daneben erzählen die Texte von einer Gründung des Hathor-Tempels in der Zeit des Alten Reiches. Wildung betont bezüglich dieser Krypten, dass "drei Jahrtausende religiöser und künstlerischer Tradition hier ihren bleibenden Ausdruck gefunden haben" (Wildung 2002, 221).
Unter einem Mamisi versteht man ein mythisches Geburtshaus. Im Hathor-Tempel von Dendera wurde die Umfassungsmauer über das alte Mamisis des Nektanebo I. überbaut, so dass heute nur noch das Mamisi aus der Zeit des Kaisers Trajan vorhanden ist. Dieses Tempelhaus wird von einem Umgang aus Pflanzensäulen mit Kompositkapitellen umrandet. Die Reliefs dieses kleinen Tempels zeigen Darstellungen des Gottes Bes sowie Abbildungen und Szenen der Hathor mit ihrem kindlich dargestellten Sohn Harsomtus. Die Funktion dieses Mamisis oder Geburtshauses ist anhand der Szenen eindeutig zu erkennen: In diesem Gebäude vollzog sich die kultische Hochzeit des Amun-Re und der Hathor, aus welcher Beziehung Harsomtus hervorging. Daneben gehört ein heiliger See, der sich auf 25 x 30 Meter erstreckt, ein "Sanatorium" sowie zwei Osiris-Kapellen, in welchen im Rahmen der Osiris-Mysterien die Auferstehung des Gottes kultisch vollzogen wurde. Dem Mythos nach befindet sich in Dendera auch ein Grab des Osiris, da hier eines seiner Körperteile bestattet wurde. Bis heute befindet sich in Mitten des Tempelkomplexes eine koptische Kirche unmittelbar vor dem Pronaos, welche koptische Mönche als Kloster errichteten. Trotz der unterschiedlichen Glaubensrichtungen existieren Kloster und altägyptischer Tempel bis heute nebeneinander (auch wenn sie nicht mehr für theologische Zwecke genutzt werden).
Anhand der baulichen Merkmale kann man im Hathortempel zu Dendera drei verschiedene Bauphasen unterteilen: 1. die ptolemäische Bauphase
Eine zweite Bauphase kann in die Ära des römischen Kaisers Tiberius datiert werden, d.h. 14 n.Chr. bis 37 n.Chr. Der öffentlichkeitsscheue Tiberius wurde insbesondere von Tacitus und Sueton, als heimtückischen Diktator beschrieben. Unter seiner Herrschaft wurde das Pronaos mit den weltberühmten 4 x 6 Hathor-Kapitell-Säulen nach vorne verlegt. Die letzte Bauphase erfolgte unter Nero. Zu jenem Zeitpunkt wurde der 280 x 280 Meter große Tempelkomplex mit einer 10 Meter starken Ziegelmauer umrandet. Arnold vermutet, dass diese Ziegelumwallung wohl in Nachahmung an den Horus-Tempel von Edfu erfolgt sein soll. Laut Wildung ist der Tempel, trotz der langwierigen Bauzeit nie ganz fertig gestellt worden.
In der spätägyptischen Zeit wurde das astronomische Denken
und die Darstellungen mit babylonischen und griechischen Eigenschaften in
Verbindung gebracht. Eine der bekanntsten Darstellungen diesbezüglich
ist der sogenannte "Zodiak", der im Hathortempel von Dendera abgebildet
wurde. Der Zodiak stammte aus der griechisch-römischen Epoche und zeigt
die Darstellung des babylonischen Tierkreises. Die ägyptischen Dekane
wurden hier in die babylonische Abbildung eingeflochten, indem sie nicht
mehr die Nachtsunden anzeigten, sondern indem jeweils drei Dekangruppen
einem Tierkreiszeichen zugeordnet wurden.
Arnold, Dieter: Die Tempel Ägyptens. Götterwohnungen. Baudenkmäler. Kultstätten. Zürich: Artemis, 1992. Arnold, Dieter: Lexikon der ägyptischen Baukunst. Düsseldorf: Albatros, 2000. Rachet, Guy: Lexikon des alten Ägypten. Düsseldorf: Patmos, 2002. Wildung, Dietrich: Ägypten. Von der prähistorischen Zeit bis zu den Römern. Köln: Taschen, 2001. November 2002 |
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